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Umstrittene Gesetzgebung zu ärztlicher Suizidhilfe

Letzte Fragen

Münster

Der Bundestag diskuiert über eine Gesetzgebung zur ärztlichen Suizidhilfe, Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert. Medizinethikerin an der Universität Münster, bezieht im WN-Interview Stellung.

wn

Medizinethikerin Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert     Foto: Ethikrat

In Deutschland soll die Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden. Ein hochsensibles Thema, das schon lange vor der Abstimmung im Bundestag die Debatten befeuert. Prof. Bettina Schöne-Seifert, Medizinethikerin von der Universität Münster, befürwortet eine Gesetzgebung, die die ärztliche Suizidhilfe in engen Grenzen legalisiert. WN-Redakteurin Karin Völker sprach mit Bettina Schöne-Seifert, die knapp zehn Jahre dem Deutschen Ethikrat angehörte, über das Thema, das für jeden Menschen persönlich letzte Fragen aufwirft.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat kürzlich betont, ein neues Gesetz zur Sterbehilfe sei gar nicht nötig. Warum sind Sie anderer Meinung?

Schöne-Seifert: Strafrechtlich sind Suizid und Suizidhilfe bei uns schon jetzt grundsätzlich nicht verboten. Aber ich sehe das Problem darin, dass momentan vieles heimlich geschieht, und das ist eine Zumutung für alle Betroffenen. Ärzte dürften nicht zugeben, dass sie Patienten in ausweglosen Situationen Suizidhilfe geleistet haben, weil ihnen in manchen Bundesländern über standesrechtliche Verbote der Entzug der Approbation droht und weil die offizielle Standesethik dieser Hilfeleistung entgegen steht. Und viele Patienten trauen sich deswegen erst gar nicht, sie danach zu fragen.

Aber es ist Ärzten doch nach gegenwärtiger Gesetzeslage nicht verboten, Therapien auf Wunsch der Patienten abzubrechen, und damit ihren Tod zu beschleunigen.

Schöne-Seifert: Genau. Ärzte dürfen ja auf diese Weise grundsätzlich schon jetzt beim Sterben helfen, und das geschieht sehr häufig. Man schätzt, dass in Deutschland wie in anderen Ländern auch, 40 Prozent der Todesfälle mit Entscheidungen zum Therapieverzicht einhergehen. Das ist grundsätzlich erlaubt.

Worum geht es genau in der Frage einer neuen Gesetzgebung zur Sterbehilfe?

Schöne-Seifert: Es geht darum, dass Schwerstkranke ohne Hoffnung auf Heilung, die ein Weiterleben unerträglich finden, Möglichkeit haben sollen, sich von Ärzten beim Suizid helfen zu lassen. Dafür müsste es klar definierte Regeln geben. Das Gesetz soll es geben, damit Menschen sich nicht gezwungen sehen, möglicherweise dubiose, von Laien betriebene Vereine gegen Geld in Anspruch nehmen zu müssen. Oder schreckliche Verzweiflungstaten begehen, wie kürzlich der krebskranke Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der sich erschossen hat.

In den Niederlanden ist Ärzten aktive Sterbe- und Suizidhilfe erlaubt. Wie viele Menschen nehmen die Möglichkeit dort wahr?

Schöne-Seifert: Im vergangenen Jahr waren es dort zuletzt etwa 4800 Menschen in einem Jahr, 15 Prozent mehr als zuvor. Die große Mehrheit wählte dabei die Möglichkeit der Tötung auf Verlangen. In den Niederlanden wird nämlich die Frage, ob der Arzt oder der Patient selber den letzten Schritt zum Tode ausführen, als ziemlich unerheblich betrachtet.

Was ist mit den Ärzten, die es aus ethischen Gründen ablehnen, beim Suizid zu assistieren?

Schöne-Seifert: Es ist selbstverständlich, dass eine Gewissensklausel Bestandteil des Gesetzes werden muss. Kein Arzt kann genötigt werden, Suizidhilfe zu leisten. Aus einer von der Bundesärztekammer 2009 in Auftrag gegebenen Umfrage unter deutschen Ärzten weiß man, dass etwa ein Drittel sich grundsätzlich vorstellen kann, einen Patienten beim Suizid zu unterstützen. Das wären hochgerechnet über 100 000 berufstätige Ärzte.

Sie sind selbst Medizinerin. Wie würden Sie entscheiden?

Schöne-Seifert: Ich habe vor meinem Wechsel in die Philosophie und Medizinethik nur wenige Jahre als Ärztin praktiziert. Aber ich will nicht ausweichen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, unheilbar Kranken, die ihr Leben anhaltend nicht mehr erträglich finden, zu helfen, wenn ich die fachliche Kompetenz dazu erworben hätte. Ich bin dankbar dafür, dass es mutige Kollegen gibt, die genau dies tun. Die organisierte Ärzteschaft hält dies für unvereinbar mit dem ärztlichen Ethos; ich nicht: Natürlich sollen Ärzte vor allem heilen und Leben erhalten. Es kann aber Extremsituationen geben, in denen ärztliche Kompetenz dafür eingesetzt werden darf, dass ein sterbewilliger unheilbar Kranker friedlich aus dem Leben scheiden kann. Dass wir heute diese Debatte führen, ist ja auch Folge des Fortschritts der Medizin, der hier seine Schattenseite zeigt.

Gegner der Legalisierung führen an, dass es reichen würde, die Palliativmedizin auszubauen, damit niemand mehr unerträgliche Schmerzen leiden muss. Der Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, erledige sich auf diese Weise.

Schöne-Seifert: Das ist nachweislich falsch. Unbestritten ist ein weiterer Ausbau der Palliativmedizin und Schmerzmedizin von enormer Bedeutung – das wollen wir alle! Aber wenn Patienten die letzte Strecke ihres Lebens als nicht mehr erträglich empfinden, geht es ihnen oft nicht um Schmerzen, sondern um den Verlust ihrer Autonomie, ihrer Würde und ihres Lebenssinns.

Wie erklären Sie sich den starken Widerstand gegen das diskutierte Gesetz?

Schöne-Seifert: Es gibt auf Seiten der Kirchen und der Politik Vorbehalte, die sich wohl vor allem auf religiöse und weltanschauliche Gründe zurückführen lassen. Für jeden einzelnen Patienten, Arzt und Seelsorger sind solche Gründe absolut respektabel. Es gibt aber zahlreiche repräsentative Umfragen, darunter drei allein aus diesem Jahr, aus denen hervorgeht, dass 70 bis 77 Prozent der deutschen Bevölkerung dafür sind, ärztliche Suizidhilfe zuzulassen.

Teilen Sie nicht die Bedenken, ein solches Gesetz könnte zu einem Dammbruch führen – in dem Sinn, dass Behandlungs- und Pflegekosten vermieden werden, weil es ja möglich ist, Schwerkranken zu helfen, aus dem Leben zu scheiden?

Schöne-Seifert: Die gesetzlichen Regelungen, die jetzt diskutiert werden, müssten strikte Sorgfalts- und Begrenzungskriterien enthalten. Nach meiner Meinung sollte die ausdrückliche Legalisierung ärztlicher Suizidhilfe auf Patienten mit unheilbaren Krankheiten beschränkt bleiben. Lebensmüdigkeit allein würde ich nicht als hinreichenden Grund ansehen.

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