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Christopher Street Day

Tödliche Attacke gegen Malte C.: Anklage erhoben

Münster

Nach einer Attacke am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Münster ist ein 25-Jähriger gestorben. Mehr als zwei Monate nach der Tat hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen einen 20-jährigen Tatverdächtigen erhoben.

Von Simon Beckmann, Ralf Repöhler, Anna Spliethoff, Dirk Anger, Thorsten Neuhaus, Karin Völker, Luca Pals und Martin Kalitschke

„Rest in Pride“ steht auf einem Karton an der Gedenkstätte für Malte C. auf den Stufen des historischen Rathauses am Prinzipalmarkt. Etwas mehr als zwei Monate nach dem Tod des 25-Jährigen hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen einen Tatverdächtigen erhoben. Foto: dpa

Der Tod von Malte C. hat Anfang September bundesweit für Trauer und Entsetzen gesorgt. Der 25-Jährige verstarb im Krankenhaus an seinen Verletzungen, nachdem er am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Münster attackiert worden war.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Münster Anklage gegen einen 20-jährigen Mann erhoben, der wenige Tage nach der Attacke festgenommen worden war. Ihm wird Körperverletzung mit Todesfolge sowie Beleidigung in Tateinheit mit Bedrohung vorgeworfen.

20-Jährigem droht lange Haftstrafe

Der 25-jährige Malte C. war am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Münster Ende August infolge eines Schlages mit dem Kopf auf den Boden geknallt und weniger Tage später an den Folgen im Krankenhaus gestorben. Der 20 Jahre alte Tatverdächtige wurde festgenommen. Er soll zunächst Frauen unter anderem queerfeindlich beschimpft und bedroht haben. Als der 25-Jährige ihn bat, die Beleidigungen zu unterlassen, soll er unvermittelt mit der Faust zugeschlagen haben.

Der Tatverdächtige war in der Vergangenheit wiederholt wegen Gewalt- und Drogendelikten aufgefallen. Im Falle einer Verurteilung drohten dem Mann nun nach Jugendrecht bis zu zehn Jahre Jugendstrafe, nach Erwachsenenrecht zwischen drei und 15 Jahre Haft, erläuterte Dirk Ollech, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bereits zu Beginn der Ermittlungen.

Schädel-Hirn-Trauma als Todesursache

Nach dem Tod von Malte C. wurde der 20-jährige Tatverdächtige am 2. September festgenommen. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der Anwalt des Tatverdächtigen hatte sich in Medienberichten zunächst zuversichtlich gezeigt, dass der 20-Jährige – ein abgelehnter Asylbewerber mit russischem Pass – schnell aus der Untersuchungshaft entlassen werden könnte.

Bei der Obduktion der Leiche haben Rechtsmediziner ein schweres Schädel-Hirn-Trauma festgestellt. Malte C. verstarb nach Angaben der Staatsanwaltschaft an einer schweren Lungenentzündung und schweren Herzrhythmusstörungen. „Diese waren Folgen des erlittenen Schädel-Hirn-Traumas“, so die Staatsanwaltschaft.

250 Menschen bei Trauerfeier für Malte C. 

Anfang Oktober fand auf dem Waldfriedhof Lauheide in Münster eine Trauerfeier statt. Etwa 250 Menschen waren gekommen, um sich von Malte C. zu verabschieden. Heiko Philippski vom Schwulenzen­trum KCM hatte vorab mit etwa 1000 Menschen gerechnet. Bürgermeisterin Angela Stähler bezeichnete Malte als mutig, weil er einen Konflikt anstatt mit Gewalt mit Worten lösen wollte. Sie mahnte zudem, dass die tödliche Attacke zeige, „dass wir uns noch mehr für Toleranz einsetzen müssen“. Die Beerdigung hat im engsten Familienkreis stattgefunden.

Die Zivilcourage von Malte C. würdigen

Mit der Trauerfeier wollten 13 Vereine, Initiativen und Gruppen aus Münster – hauptsächlich aus der queeren Community – sowie das Amt für Gleichstellung der Stadt die Zivilcourage von Malte C. würdigen und auch ein entscheidendes Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen, hieß es in einem offenen Brief an die Stadtgesellschaft.

Auch die Polizei Münster zeigte sich am Tag der Beerdigung solidarisch mit Malte C.: Münsters Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf zeigte sich bei Twitter mit Regenbogenfahne im Kreis von Polizistinnen und Polizisten.

Bundesweit hatten am Tag der Beerdigung zahlreiche Behörden an öffentlichen Gebäuden und Geschäftsleute Regenbogenflaggen als Zeichen der Solidarität gehisst. In Düsseldorf hatte sich das NRW-Familienministerium angeschlossen. Auch das Sozialministerium des Landes Brandenburg in Potsdam hatte die Regenbogenflagge gehisst.

Video in Kooperation mit der Lokalzeit Münsterland:

Reul: „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet“

Den Angriff auf Malte C. war auch Thema im Landtagsinnenausschuss. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) kündigte dort an, dass homophobe und queerfeindliche Straftaten in der Kriminalitätsstatistik in Nordrhein-Westfalen künftig besser ausgewiesen werden sollen. „Ich möchte den Angehörigen des jungen Mannes, der mit seinem Handeln viel Zivilcourage bewiesen hat, mein herzliches Beileid aussprechen“, sagte Reul. „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet.“

Seit 2017 seien 18 solcher Straftaten in NRW registriert worden. Bei acht dieser Taten seien 13 Verdächtige ermittelt worden. Er würde das Dunkelfeld künftig besser gerne ausleuchten und mehr über die Täter wissen: „Was sind das eigentlich für Menschen, die andere wegen ihrer sexuellen Orientierung angreifen?“, fragte Reul.

Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf

Münsters Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf erklärte im Zusammenhang mit der Tat: „Ich bin froh, dass die Festnahme des Tatverdächtigen nach dem brutalen Angriff am Rande des CSD noch am Freitag (2. September) gelungen ist.“ Dorndorf betonte, dass Münster für Weltoffenheit, Vielfalt und Zivilcourage stehe. „Der schreckliche Vorfall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir diese Werte schützen und als Gesellschaft zusammenstehen. Gerade jetzt! Wir als Polizei wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft leisten.“

Große Anteilnahme in Münster und bundesweit

Auf der Rathaustreppe in Münster war die Anteilnahme für den gestorbenen Malte lange deutlich sichtbar. Viele Menschen legten Blumen, Plakate und Kerzen in Gedenken an den 25-Jährigen nieder. 

Die erste Ratssitzung nach der tödlichen Attacke hat zudem mit einer Schweigeminute begonnen. „Der Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich“, sagte Oberbürgermeister Markus Lewe. „Er geht uns alle an.“ Die Stadt Münster müsse ein sicherer Ort für alle Menschen sein, hob Lewe vor der Schweigeminute hervor. „Der Tod eines jungen Menschen erschüttert uns.“

Kundgebung mit mehr als 5000 Menschen

Auf dem Prinzipalmarkt in Münster wurde am 2. September außerdem ein starkes Zeichen der Solidarität und Anteilnahme gesetzt. Nach Angaben der Polizei versammelten sich mehr als 5000 Menschen – zum Gedenken an den verstorbenen Transmann Malte. Mit der Kundgebung sollte ein Zeichen gegen Gewalt gegen queere Menschen gesetzt und an den verstorbenen 25-Jährigen erinnert werden.

An der Kundgebung haben unter anderem auch Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe und NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) teilgenommen. Die Kundgebung startete mit einer Schweigeminute, es folgten emotionale Redebeiträge.

Bischof Genn: „Barbarische, irrsinnige Tat“

Der Tod von Malte sorgte in Münster und darüber hinaus für große Betroffenheit. Bischof Dr. Felix Genn äußerte in einer Mitteilung seine Erschütterung über den Tod des Mannes: „Ein junges Leben wurde ausgelöscht. Was für eine barbarische, was für eine irrsinnige Tat.“ Der Bischof richtete den Blick zudem nach vorne: „Wir dürfen aber bei der Erschütterung und Trauer nicht stehen bleiben. Wir müssen laut unsere Stimme erheben (...). Wir müssen und werden uns mit allen friedlichen Mitteln gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen.“

Oberbürgermeister Markus Lewe zeigte sich in einer Pressemitteilung ebenfalls bestürzt: „Der Tod des jungen Mannes erschüttert mich zutiefst. Wir sind unendlich traurig. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden.“

Lewe betonte: „Dieser Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich. Er geht uns alle an. Unsere Stadtgesellschaft ist weltoffen und tolerant und wird weiter dafür kämpfen, ein sicherer Ort für marginalisierte Menschen zu sein.“

Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum

Von einer „widerwärtigen Tat“ sprach Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum in Münster. „Wir sind alle noch vollkommen sprachlos und in tiefer Trauer, dass ein so junger Mensch, der zur Hilfe herbeigeeilt ist, auf diese Art und Weise aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sein ganzes Leben noch vor sich gehabt“, sagte er. Dass so etwas ausgerechnet in Münster, einer schönen, lebenswerten und weltoffenen Stadt, in der sich die verschiedenen Kulturen austauschen und bereichern, passiere, sei unbegreiflich.

Diese Tat mache aber nicht nur wütend, sondern schaffe auch Angst, so Philippski. Er habe beobachtet, dass auch die Angstschwelle in Münster gestiegen sei. „Einige trauen sich nicht mehr, ihre Regenbogenutensilien offen zu tragen“, sagte er. „Durch solche Taten dürfen wir uns aber nicht zurückschrecken lassen, sondern müssen mutig vorangehen.“

Queerfeindliche Einstellungen werden nach Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) durch soziale Medien verstärkt. Schon seit vielen Jahren gebe es in der Gesellschaft solche menschenfeindlichen Einstellungen, die durch die „Echokammern“ im Internet noch angeheizt würden, kritisierte René Mertens vom LSVD auf WDR 5. Soziale Medien tragen nach seiner Einschätzung dazu bei, dass „homophobe Sprüche und queerfeindliche Ideologien“ in Hass und Gewalt umschlagen. „Wir brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft“, mahnte Mertens. „Queerfeindlichkeit geht uns alle an.“

Lokale Politik spricht von „Mahnung zu Toleranz“

Lia Kirsch, Fabian Schulz und Lena-Rosa Beste von der SPD Münster sprachen davon, dass die Gesellschaft geschlossen gegen Diskriminierung und Gewalt einstehen müsse. Die CDU bezeichnete den Tod „als eindringliche Mahnung zu Toleranz und menschlichem Umgang“.

Ali Saker aus dem Kreisverband der Grünen bemerkte, dass Maltes mutiges Einstehen für den Schutz der Queer-Community nicht vergessen werde. „Es ist eine Erinnerung daran, dass der CSD und das Feiern von Pride und Vielfalt von entscheidender Bedeutung sind, um Trans- und Homofeindlichkeit in unserer Gesellschaft zu bekämpfen.“

Video in Kooperation mit dem WDR:

Janna Frydryszek, Jugendbildungsreferentin der DGB-Jugend Münsterland, verurteilte die „feige Tat“ auf das Schärfste: „Diese Tat zeigt vor allem, dass alle Erfolge im Kampf für Gleichberechtigung der LGBTQIA+ keine Selbstverständlichkeit sind.“ Beim Spiel des SC Preußen Münster gegen Köln II wird es außerdem eine Schweigeminute geben.

Unter anderem äußerte auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, auf Twitter ihr Mitgefühl.

In den Sozialen Netzwerken gab es an vielen Stellen Solidaritätsbekundungen. Entsetzen und Bestürzung zogen sich durch die Beiträge. Bei Twitter trendete der Hashtag "#Malte".

Münsters FDP-Vorsitzender Jörg Berens äußerte sich auf Twitter ebenfalls.

Anteilnahme äußerte auch die Partei Volt:

Doch auch weit über Münster hinaus sorgte der Tod des 25-jährigen Transmanns für Bestürzung – so auch beim Bundesfamilienministerium.

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