Rosemarie Ehrlich vertritt das Handwerk

Mehr Lust als Frust

Münster

Rosemarie Ehrlich scheut nicht vor den Aufgaben einer Kreishandwerksmeisterin zurück. Auch in ihrer Friseur-Innung war sie 2004 die erste Obermeisterin. Die 58-Jährige macht sich im Interview mit unserer Zeitung stark für die Nachwuchswerbung.

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Rosemarie Ehrlich ist seit 1990 selbstständig und legte vor 30 Jahren ihre Meisterprüfung ab. Seit 15 Jahren ist sie Innungsobermeisterin, seit zwei Jahren Kreishandwerksmeisterin. In dieser Aufgabe hat sie gerade Halbzeit. Foto: gh

Am guten alten Handwerk gehen die Zeiten nicht spurlos vorbei. Die Herausforderungen reizten darum auch Friseurmeisterin Rosemarie Ehrlich, zusätzlich zu ihrem Ehrenamt als Obermeisterin der Friseur-Innung Münster die Aufgaben als Kreishandwerksmeisterin zu übernehmen. Sie musste dazu nicht überredet werden. Ob die Aufgabe nun Last oder Lust für die 58-Jährige ist, darüber sprach sie mit Redakteurin Gabriele Hillmoth.

Wer schneidet Ihnen die Haare?

Ehrlich: Das ist jetzt meine Tochter, Sophie Ehrlich, die gerade ihre Meisterausbildung absolviert und ihre Gesellenprüfung als Jahrgangsbeste abgelegt hat.

Wollten Sie Friseurin werden oder hatten Sie andere Pläne?

Ehrlich: Eigentlich habe ich auf Lehramt studiert, so bin ich nach Münster gekommen. Aber 1982 kam in NRW der Einstellungsstopp für Lehrer. Dann habe ich mir 1983 überlegt, was machst du jetzt: Studierst du in die Arbeitslosigkeit oder machst du was Neues? Ich habe Kunsterziehung und Sozialwissenschaften studiert, darum kam ich auf Maskenbildnerin. Doch dafür brauchte ich eine Friseurausbildung, mit der ich 1984 begonnen habe. Es war nicht einfach, eine Ausbildungsstelle zu finden. Mir hat der Beruf aber so viel Spaß gemacht, dass ich einfach weitergemacht habe. Außerdem habe ich das Erbe meiner beiden Großväter fortgesetzt, die auch Friseure waren. Vor genau 30 Jahren habe ich dann die Meisterprüfung abgelegt.

Wann haben Sie sich selbstständig gemacht?

Ehrlich: Das war 1990 ganz bewusst mit einem kleinen Betrieb. Ich liebe die Nähe zu den Kunden. Schon damals war es schwer, Mitarbeiter zu finden.

Ihre Nachfolge ist schon gesichert?

Ehrlich: Ich freue mich, denn demnächst ist auch meine Tochter mit im Betrieb. Sie hat ein Händchen für den Beruf.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für das Handwerk?

Ehrlich: Ich glaube, dass sich unser Image im Friseurhandwerk wieder gebessert hat. Unsere Arbeit ist, wie die vieler anderer Handwerksberufe, nicht durch einen Computer zu ersetzen. Aber auch für uns wird es schwieriger, Auszubildende zu bekommen. Das gilt für das gesamte Handwerk.

Unternehmen Sie besondere Anstrengungen, um Nachwuchs zu gewinnen?

Ehrlich: Natürlich. Ich begrüße darum auch den Mindestlohn für Auszubildende. Ich weiß, dass ich mir damit nicht überall Freunde mache, aber ich finde, wir müssen schon Anreize schaffen. Ich finde auch, man darf die jungen Leute nicht abspeisen. Früher musste man Lehrgeld bezahlen, heute ist es ja so, dass sie eine Vergütung bekommen. Auch Abiturienten kommen heute erfreulicherweise zu uns. Der Abschluss ist kein Hinderungsgrund, den Beruf zu ergreifen. Das Problem liegt meistens nur bei Eltern und Freunden, die es schwieriger finden, einen Handwerksberuf zu ergreifen. Das habe ich früher auch so erlebt. Ich würde mir wünschen, dass auch Gymnasien fürs Handwerk werben. Irgendwann haben wir ein Problem, dabei geht es nicht um einen schlechten Haarschnitt, es geht allgemein um fehlende Fachkräfte im Handwerk.

Ist der Job als Kreishandwerksmeisterin schwierig für Sie als Frau?

Ehrlich: Ich war 2004 auch die erste Obermeisterin in der Friseur-Innung. Darum empfinde ich diese Aufgabe auch nicht als besondere Rolle. Wenn es um Entscheidungen geht, dann arbeiten wir in der Kreishandwerkerschaft im Team. Ich wollte aber auch nie eine Alibifrau sein, ich bin eher ein Teamplayer. Und mit Sabine Deckenbrock als Stellvertreterin steht eine zweite Frau an der Spitze. Außerdem habe ich das Glück, dass mein Mann mich unterstützt.

Ihre Themen?

Ehrlich: Neben der Nachwuchswerbung ist dies das Werben für eine Mitgliedschaft in den Innungen mit den vielen Vorteilen und dem kurzen Draht zu Fachinformationen.

Ihre Amtszeit als Kreishandwerksmeisterin läuft 2020 ab. Kandidieren Sie erneut?

Ehrlich: Ich würde mich, Stand heute, wiederwählen lassen. Die Arbeit ist spannend, weil es die Möglichkeit gibt, über den Tellerrand zu schauen. Für mich gehört die Innungsarbeit schon immer dazu. Zum aktiven Mitgestalten zählt auch die Politik. Außerdem ist das Treffen in der Innung ein bisschen wie eine Supervision, sonst bleibt man Einzelkämpfer.

Ist auch der Meistertitel für Sie ein Thema?

Ehrlich: Aber sicher. Wenn der Handwerkskammer beispielsweise angezeigt wird, dass ein Betrieb keinen Meister vorhält, die Stadt sich aber schwer tut, Gewerbeuntersagungen auszusprechen, dann ist dies keine Gleichbehandlung. Ich habe als Sachverständige häufig im Ruhrgebiet zu tun, da sind die Ordnungsämter viel rigoroser. Bußgelder im fünfstelligen Bereich können verhängt werden. Es geht mir nur darum, dass alle Selbstständigen die gleichen Voraussetzungen haben. Hier gibt es noch viel Gesprächsbedarf.

Also doch Frust?

Ehrlich: Nein. Ich wäre gerne Lehrerin geworden, aber ich mache auch meinen heutigen Beruf total gerne. Die Kunden wachsen einem ans Herz. Es gibt den Spruch: Das kannst du deinem Friseur erzählen. Aber alles bleibt safe bei mir.

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