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Familienzimmer in JVA Münster

Moderner Vollzug: Kinderspiel hinter hohen Mauern

Münster

Um Strafgefangenen mit Kindern die Situation etwas leichter zu machen, gibt es in der JVA Münster seit rund zwei Monaten ein Familienzimmer für zusätzliche Besuchsstunden mit Kindern.

Björn Meyer

Einen Einblick in Räumlichkeiten und die tägliche Arbeit gewährte die JVA Münster am Dienstag. Einrichtungsleiter Carsten Heim und Dorothee Eisen (Koordinatorin für den Familienbesuch) präsentierten dabei auch den neuen Familienraum (o.l.). Foto: Oliver Werner

Ein Zeiger auf dem Eisbär, einer auf dem Kamel: Die Uhr in dem liebevoll eingerichteten Raum mit zahlreichen Kinderspielzeugen zeigt 11.15 Uhr. Es wirkt fast so, als könnten jeden Moment ein Dutzend Kinder ihren Kita-Tag dort beginnen. Doch der Raum gehört nicht zu einer Kindertagesstätte, vielmehr ist er Teil von etwas, in dem man einen solch fröhlichen Ort mit Reh-Tapete und ferngesteuerten Autos am allerwenigsten vermuten würde: der JVA Münster an der Gartenstraße.

Im Zuge einer familiensensibleren Vollzugsgestaltung gewährt die Justiz Elternteilen, im Falle der Einrichtung in Münster also Vätern, zwei zusätzliche Besuchsstunden im Monat mit ihren Kindern. „Wenn ich hier vorbeigehe und durchs Fenster schaue, dann muss ich häufig lächeln“, stellt die stellvertretende Leiterin der JVA, Nina Gygax, mit Blick auf den in dieser Umgebung fast unwirklich anmutenden Raum fest. Es ist freilich eine Maßnahme mit Hintergedanken. JVA-Leiter Carsten Heim erklärt, dass es stabilisierend auf die Häftlinge wirke, wenn man ihnen zusätzliche Zeit mit ihren Kindern gewähre.

Der Familienraum ist jedoch nicht nur eine Chance für die Häftlinge, er ist auch ein Beleg dafür, dass trotz des avisierten Umzugs noch niemand mit seinen Gedanken in Wolbeck ist. „Hier hat noch niemand seine Koffer gepackt hat“, stellt Nina Gygax dazu passend klar. Im Gegenteil, viele Kollegen hingen an dem altehrwürdigen Gebäude, sagt Pressesprecherin Katja Krupa. Auch wenn der Bau fraglos seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Noch immer ist ein Teil des Gefängnisses gesperrt, noch immer werden in den betroffenen Trakten Untersuchungen bezüg lich der Statik vorgenommen.

Vielleicht schon Ende 2024 – „ich gehe aber von 2025 aus“, so Heim – soll der Einzug in den Neubau am Rande Wolbecks vonstatten gehen. Dann sollen nicht mehr wie derzeit 259, sondern bis zu 640 Häftlinge bewacht werden. Von momentan rund vier auf insgesamt 14 Hektar soll die verfügbare Fläche steigen. „Die Hafträume müssen größer werden“, sagt Carsten Heim angesprochen auf seine Wünsche als erstes. Derzeit leben einige Insassen der JVA auf 7,5 Quadratmetern, üblich sind für eine Einzelzelle 10,5 Quadratmeter. Auch mit den Werkhallen, in denen Gefangene für rund zehn Euro am Tag arbeiten, stößt man an die Kapazitätsgrenzen.

Neben Büromöbeln für sämtliche Justizeinrichtungen werden dort unter anderem auch Stehtische gefertigt, die dienstags und donnerstags direkt aus der Einrichtung heraus an Privatleute verkauft werden. Der jährliche Umsatz mit allen Möbeln betrage zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro, heißt es aus der JVA.

Im Hinblick auf den größeren Neubau stellt die JVA derzeit jährlich zusätzliches Personal ein. Rund 90 neue Stellen würden bis 2025 wohl benötigt, Neubesetzungen nicht mitgerechnet. Die Bewerberlage sei gut, eine Werbe-Offensive der Justiz NRW habe ihre Wirkung nicht verfehlt, auch Annoncen in der Tageszeitung hätten zu einer merklich höheren Resonanz geführt. Für 2019 erreichten die JVA 554 Bewerbungen, 180 Bewerber wurden auf ihre Eignung geprüft, 35 eingestellt.

Statistik ohne echte Aussagekraft

259 Häftlinge sind derzeit in der JVA Münster untergebracht. Mehr als 30 Prozent gehören dem Islam an. Ein deutlich höherer Prozentsatz also als in der übrigen Bevölkerung. Lässt das Rückschlüsse auf die Kriminalität bei dieser Konfessionszugehörigkeit zu? JVA-Leiter Carsten Heim verneint.

Gerade viele als Flüchtling nach Deutschland gekommene Menschen seien ohne festen Wohnsitz. Die Justiz sehe daher eine erhöhte Fluchtgefahr. Daraus resultierten Gefängnisstrafen schon bei vermeintlich geringen Vergehen.

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