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Kranbesetzung in Münster

Gerichtsverhandlung gegen Krankletterer verschoben

Münster

Der für kommende Woche anberaumte Termin vor dem Amtsgericht gegen den Mann aus Kinderhaus, der als Kranbesetzer und Müllsammler die Behörden dauerbeschäftigt, wurde verschoben. Denn: Bei dem Termin sollen weitere Anklagepunkte verhandelt werden.

Von Dirk Anger, Helmut P. Etzkorn, Anna Spliethoff, Karin Völker, Pjer Biederstädt und Simon Beckmann

Aufräumen auf dem Baukran: Bauarbeiter holen die Hinterlassenschaften des Kranbesetzers. Foto: Matthias Ahlke

Der für kommende Woche Mittwoch (28. September) anberaumte Termin vor dem Amtsgericht gegen den Mann aus Kinderhaus, der als Kranbesetzer und Müllsammler die Behörden dauerbeschäftigt, wurde verschoben. Der Grund: Bei dem Termin sollen weitere Anklagepunkte verhandelt werden. Es geht neben den Bedrohungen gegen seine Nachbarn in Kinderhaus und weiterer Personen um Straftaten im Zusammenhang mit den beiden wochenlangen Kranbesetzungen im Frühjahr und Sommer, außerdem um weitere Beleidigungen und Bedrohungen gegenüber anderen Personen. Jetzt soll der Mann erst am 30. November vor dem Amtsgericht erscheinen. Der Grund: „Es sind weitere Anklagepunkte dazugekommen“, erklärt der Sprecher des Amtsgerichts, Matthias Bieling.

Aufräumen nach dreiwöchiger Kranbesetzung

Kleidung, Wasserflaschen, Decken, Beutel und ein Grill – nachdem der Kranbesetzer nach fast drei Wochen in luftiger Höhe herabgestiegen war, räumten Mitarbeiter der Baufirma auf.

In einem weißen Plastiksack ließen sie die Habseligkeiten des psychisch kranken Mannes am Kranseil zu Boden. Bis auf der Baustelle wieder gearbeitet werden kann, dauert es jedoch noch ein paar Tage. An Tag eins nach der Besetzung untersuchten Polizei, Ordnungsamt und Baufirma das Baufeld. Außerdem sei der Kran kontrolliert und vom TÜV abgenommen worden, berichtet Manfred Lübbe, Geschäftsführer des Bauunternehmens Läer und Rahenbrock aus Georgsmarienhütte.

Anzeige wegen Hausfriedensbruch

Zudem müsse die Firma jetzt Baustoffe bestellen, Einsatzpläne erstellen und vor allem den Kran zusätzlich sichern, unter anderem mit Stacheldraht. Eine dritte Besetzung soll unbedingt vermieden werden. Das wünscht sich auch der Bauträger. Mindestens für eine weitere Woche engagiert deshalb die Wohn + Stadtbau Münster den Sicherheitsdienst, der zuvor dem städtischen Ordnungsamt bei der Beobachtung des Krankletterers half.

Der Kranbesetzer hat sich nach der polizeilichen Durchsuchung noch am Sonntagabend freiwillig in eine psychiatrische Klinik begeben. Genau wie nach der letzten Besetzung im Frühjahr – damals hatte er sich nach einem Tag selbst entlassen. Ihn erwarten neben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung auch Schadensersatzforderungen von Bauträger, Baufirma und Stadt.

So endete die Kranbesetzung

Am Abend zuvor sah ein gutes Dutzend Schaulustige von der Absperrung aus zu, wie sich drei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der den psychisch kranken Mann Tag und Nacht beobachtet hatte, um ihn kümmerten und ihn mit Wasser versorgten. Rund ei­ne halbe Stunde nach dem Abstieg begleiteten sie den 58-Jährigen vom Baufeld. Nach 20 zumeist heißen Tagen auf dem Kran machte der Mann einen erschöpften Eindruck.

Kurz darauf kam ein Streifenwagen der Polizei Münster und nahm den Kran-Kletterer mit. „Er ist nicht festgenommen“, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage. Er werde lediglich durchsucht und man werde seinen Gesundheitszustand prüfen, hieß es weiter. Der Mann wird sich jedoch wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung verantworten müssen. Ob sich der 58-Jährige wie beim letzten Mal – der Mann hatte den Kran im Frühjahr bereits sieben Tage besetzt – im Anschluss an seine Aktion in eine Klinik begibt, war kurz nach dem Ende der Besetzung noch unklar.

Baukran bleibt zunächst noch bewacht 

Am 25. Juli war der Müllsammler auf den Kran gestiegen, vermutlich aus Protest gegen das Entfernen des von ihm gesammelten Mülls. Auf Verhandlungen mit der Stadt Münster hatte er sich nicht eingelassen. Ein Eingreifen in luftiger Höhe wäre ohnehin zu gefährlich gewesen, doch den Behörden waren auch rechtlich die Hände gebunden, sodass die Besetzung fast drei Wochen andauerte. Zum Leidwesen der Anwohner, die die Schimpftiraden ertragen mussten, und zum Unmut des Bauunternehmens, das durch die Zwangspause immense finanzielle Einbußen hatte. 

Wolfgang Heuer, Ordnungsdezernent der Stadt Münster, zeigte sich am Abend erleichtert über das Ende der Kranbesetzung. „Heute haben ihn offenkundig die Kräfte verlassen, sodass er freiwillig herabgestiegen ist.“ Die anliegende Straße bleibe trotz des Endes eine weitere Nacht gesperrt und der Sicherheitsdienst sei ebenfalls eine weitere Nacht vor Ort, sagte ein Stadtsprecher. Man wolle verhindern, dass jemand auf den Kran gehe, ehe die Lage oben von der Baufirma und möglicherweise auch von der Polizei untersucht worden sei. Die Polizei teilte am Abend auf Anfrage mit, dass noch nicht klar sei, ob und wann eine Beweismittelsicherung durchgeführt werden müsse. Die Stadt geht davon aus, dass insbesondere diese Baustelle zukünftig hinreichend gesichert werde.

Frage nach Verpflegung offen

Unklar ist, wie sich der Mann oben auf dem Kran mit Nahrung und Wasser versorgte. Was er zu Beginn der Besetzung an Proviant mitgenommen hatte, ist nicht bekannt. Das Gerücht, er werde von der Stadt versorgt, dementierte ein Sprecher. Es habe keinerlei Versorgung gegeben. Als es vor einigen Tagen regnete, soll der Kran-Kletterer Regenwasser aufgefangen haben, wie Augenzeugen berichteten.

Nicht der erste Abstieg

Der 58-jährige Kran-Besetzer war nach Angaben der Stadt regelmäßig auf dem Kran unterwegs – und bewegte sich dabei auch immer mal in Richtung Boden. Sobald sich der Sicherheitsdienst näherte, klettere der Mann allerdings jedes Mal zügig wieder den Kran hinauf, wie der Sprecher sagt. In den vergangenen Tagen habe es zudem Gesprächsangebote gegeben, einige wurden nach Angaben der Stadt zunächst von dem Mann akzeptiert oder gefordert, dann aber wieder schnell ergebnislos abgebrochen.

Bereits am 5. August hatte sich kurz angedeutet, dass die Kranbesetzung enden könnte. Der Mann hatte sich nach Angaben von Augenzeugen sowie von Ordnungskräften vor Ort am Vormittag aus luftiger Höhe hinab in Richtung Erdboden bewegt. Doch der 58-Jährige verließ den Kran nicht ganz. Nach wenigen Minuten machte er sich lautstark schimpfend wieder auf den Weg nach oben. 

Auch die Polizei war am Freitagvormittag wieder an der Hermanstraße im Einsatz. Foto: Oliver Werner

Medizinische Hilfe auch auf dem Baukran

Ordnungskräfte der Stadt und ein Sicherheitsdienst beobachteten den Mann seit Tagen – und waren angesichts der Dauer der Besetzung in der Hitze sensibilisiert zu reagieren, wenn der Mann auf dem Kran einen Schwächeanfall erleiden sollte. „Wir würden handeln, wie in jedem anderen Notfall auch“, hieß es bei der Stadt.

Die Einsatzkräfte der Feuerwehr der Stadt Münster seien allesamt hinreichend ausgebildet, eine Versorgung in großen Höhen vorzunehmen. „Sollte der Mann ohnmächtig werden, würden unsere Einsatzkräfte den Kran erklimmen und dort eine individualmedizinische Versorgung leisten, auch eine entsprechende Sicherung vornehmen können“, hieß es weiter.

Eine Rettung vom Ausleger zum Boden wäre den hiesigen Kräften allein aber nicht möglich gewesen: Dafür stünden etwa in Dortmund speziell ausgebildete und erprobte Experten bereit, die in solch einem Fall informiert würden.

Vom Kran aus machte sich der Mann ab und an lautstark bemerkbar: Er forderte, mit Vertretern der Stadtverwaltung zu sprechen und protestierte dagegen, dass ihm seine Wertgegenstände zum Kran gebracht werden sollten. Er meinte damit offenbar seine gesammelten Abfälle, die  von Reinigungskräften am Bispinghof entsorgt worden waren.

Ordnungsamt ist zuständig

Nachdem am Montagabend (25. Juli)  zunächst die Polizei angerückt war, hatte das städtische Ordnungsamt am Dienstagnachmittag  (26. Juli) die Überwachung an der Hermannstraße übernommen.

Bei der vorangegangenen, siebentägigen Kranbesetzung des Kinderhausers im Frühjahr war die Polizei hingegen bis zum Ende vor Ort. Warum diesmal nicht? Damals, so erklärt eine Polizeisprecherin, sei von einer strafrechtlichen Relevanz ausgegangen worden, weshalb der Mann danach vorläufig festgenommen wurde. Die Staatsanwaltschaft sah damals jedoch keinen Grund dafür, einen Haftbefehl zu beantragen. Mit diesem Wissen sei die Lage nun als Gefahrenstelle bewertet worden – und dafür sei das Ordnungsamt zuständig, so die Polizeisprecherin.

Privater Sicherheitsdienst nachts im Einsatz

Während die Mitarbeitenden des Ordnungsamtes das Geschehen tagsüber beobachteten, war nachts ein privater Sicherheitsdienst im Einsatz. Mittlerweile erwägt zudem die betroffene Baufirma, deren Baustelle nun ein zweites Mal still steht, rechtliche Schritte gegen den Kranbesetzer einzuleiten.

Müllsammler erstattete zuvor Anzeige bei der Polizei

Kurz bevor der Mann den Baukran bestieg, hatte er bei der Polizei Anzeige wegen „Diebstahls“ seiner am Bispinghof deponierten Müllsäcke erstattet. Bereits zu Beginn der Besetzung hatte sich angedeutet, dass der Kinderhauser dieses Mal länger auf dem Kran ausharren zu wollen, als noch beim ersten Mal.

Kranbesetzung sorgte für Verkehrsbeeinträchtigungen

Verkehrstechnisch kam es nach Angaben eines Polizeisprechers im Feierabendverkehr am Montag (25. Juli) zu größeren Beeinträchtigungen, denn der Ableger des Baukrans ragte etwas über die Hammer Straße hinaus. „Das ist leider ungünstiger als letztes Mal“, sagte ein Feuerwehrsprecher. In der Folge musste die Polizei die Hammer Straße in diesem Bereich für einige Stunden sperren.

Am späten Montagabend war die Hammer Straße jedoch wieder freigegeben worden und die Verkehrslage entspannte sich. Die Polizei sperrte jedoch weiterhin einen Abschnitt der Hermannstraße. Anwohner können aber ungehindert in ihre Häuser und diese wieder verlassen. Gesperrt ist jedoch auch wieder die Freifläche des Eckcafés, das an die Baustelle grenzt.

Auch der Abstieg sorgte für Verkehrsbehinderungen: Am Abend des 14. August wurde die Hermannstraße gesperrt. Die Sperrung soll die Nacht über andauern. 

Mann besetzt Baukran bereits zum zweiten Mal

Bereits Anfang Mai war der Mann schon auf diesen Kran geklettert und harrte dort – zum Leidwesen von Polizei, Rettungsdienst, Anwohnern und Baufirma – tagelang aus. Nach dem Abstieg vom Kran hatte sich der Mann damals selbst in psychiatrische Behandlung begeben.

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