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Faktencheck zum Münster-Tatort

Thiel bekäme vom echten Kommissar jede Menge Ärger

Münster

Immerhin schlägt der Leiter der Mordkommission nicht seine Hände über dem Kopf zusammen, während er den Tatort „Feierstunde“ anschaut. Uli Bux macht mit unserer Zeitung den Faktencheck. Was war am Sonntagabend kompletter Blödsinn, was ist realistisch? 

Stefan Werding

Ein paar Überzieher über den Schuhen, aber sonst nur Straßenkleidung und keine Handschuhe? „Das würde es bei uns nicht geben“, sagt der Leiter der Mordkommission in Münster, Ulrich Bux, beim Faktencheck. Foto: WDR

► Im Film betreten Kommissar Frank Thiel und seine Assistentin Nadeshda Krusenstern den Raum, in dem das mögliche Opfer einer Straftat sitzt. Vorher streifen sie sich Plastiktüten über die Schuhe, Thiel hat seine Hände in den Jackentaschen.

Bux meint dazu: „Die Spurensicherung ist im vollen Gange. Dass da die Kommissare nur mit Schuhüberziehern herumlaufen, würde es so nicht geben. Natürlich tragen wir alle Ganzkörperanzüge. Außerdem würden da nie so viele Leute herumstehen. Komischerweise wird auch der Leichnam nicht nach Spuren untersucht. Unsere Strategie ist immer, dass möglichst wenig Leute am Tatort sind. Je weniger Leute da rumrennen, desto weniger Spuren werden vernichtet. Ich sehe mir den Tatort aber auch immer selber an. Dass man als Kommissar sagt: ,So, jetzt geht mal alle raus und lasst den Geist des Tatorts auf mich einströmen‘, das ist so nicht.“

►  Rechtsmediziner Boerne hat die Todesursache schnell herausgefunden. Alleine.

Bux meint: „Dass der Rechtsmediziner alleine und im stillen Kämmerlein obduziert, würde es so bei uns nicht geben. Wir sind in der Regel mit dabei. Schon während der Obduktion ergeben sich fast immer Fragen, die wir dann gleich an Ort und Stelle miteinander besprechen. Darum müssen wir auf das Ergebnis auch nicht warten, weil wir ja immer dabei sind.“

►  Thiel und die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm geraten sich in die Haare, weil der Kommissar einen Haftbefehl für den verdächtigen Mann der Toten verlangt. „Ich brauche einen Haftbefehl“, brüllt der Fernseh-Kommissar die Anklägerin an.

Bux erklärt: „Wir kommunizieren den Sachverhalt mit dem Staatsanwalt und der mit dem Richter. Der Richter ordnet letztendlich so eine Maßnahme an. In der Regel geschieht das schriftlich. Es gibt Eilfälle, wo es mündlich reicht, aber später beide Seiten schriftliche Anträge nachlegen. In Fällen, in denen jemand mit einer Waffe und in einer psychologischen Ausnahmesituation durch die Gegend läuft, sind wir zur Gefahrenabwehr verpflichtet. Da brauchen wir keinen Haftbefehl.“

► An einem Tag findet die Assistentin heraus, um welches Fabrikat es sich bei der Waffe handelt.

Bux ist überrascht: „Es gibt Möglichkeiten der Internetrecherche. Das aber an einem Tag zu schaffen, ist sehr, sehr schnell. Da müsste man Zugangsdaten gefunden haben und herausfinden können, welche Bestellungen über den PC gelaufen sind. Das ist schon sehr unwahrscheinlich.“

►  Boerne schließt aus, dass der Kopf des Opfers nach unten gedrückt worden ist, weil er keine Druckspuren in seinem Nacken gefunden hat. Reicht das aus?

Bux sagt: „Nein. Für richtige Gewaltspuren muss schon was kommen. Aber was wir spurentechnisch draufhaben, würde ich nicht gerne verraten.

►  Kommissar Thiel befragt bei einem guten Glas Rotwein in einem schicken Restaurant eine Zeugin. Wie oft befragt Uli Bux Zeuginnen bei einem gemütlichen Gläschen Wein?

Bux betont: „Nie. Wäre eine gute Idee, gibt es in Wirklichkeit aber nicht. Wir führen unsere Vernehmungen in unseren Büros durch. Wenn wir bei Zeugen zu Hause sein sollten, ist das aber nicht so vertraut, dass wir da ein Glas Rotwein zusammen trinken. Höchstens ein Wasser oder einen Kaffee. Diese Form der Vertrautheit mit einem Zeugen kann es nicht geben. Wir kennen ja die Rolle der Zeugen nicht. Aus Zeugen können auch Tatverdächtige werden. Wir müssen unsere Distanz behalten, um sauber ermitteln zu können.

►  Jeder zweite Hausbesuch von Thiel beginnt mit den Worten: „Entschuldigen Sie die späte Störung.“ Der scheint immer zwischen 22 und 24 Uhr vor der Tür zu stehen.

Bux erklärt: „Uns kann es passieren, dass wir Zeugen zu späterer Stunde auch ein zweites, drittes oder viertes Mal befragen. In besonderen Fällen kommen wir mitten in der Nacht. Kleinigkeiten würden wir am Telefon besprechen, wichtige Dinge von Angesicht zu Angesicht. Um sicherzustellen, dass wir alles richtig verstanden haben, protokollieren wir die Gespräche.“

►  Während eines SEK-Einsatzes mischt sich eine Psychologin in die Verhandlungen ein.

Bux meint: „Es gibt schon Lagen, in denen wir prüfen, ob jemand von außen helfen kann. Dass sich jemand von außen so einmischt, gibt es bei uns aber nicht. Wir würden Experten gezielt ansprechen.“

► Als Kommissar Thiel den bewusstlosen Boerne findet, legt er ihm eine Hand an den Hals und schüttelt seinen Oberkörper.

Bux: „Der müsste mal wieder eines dieser Erste-Hilfe-Module besuchen. Einen so bewusstlosen Menschen durch Streicheln zum Leben zurückzuholen, klappt nicht. Wir müssen alle drei Jahre an einem Erste-Hilfe-Kursus teilnehmen. Allerdings gerate ich durch meine Arbeit öfter in Situationen, durch die ich in Übung bleibe.“

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