1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. Münsteraner erinnern sich an Jahrhundert-Unwetter

  6. >

Fünf Jahre nach dem Starkregen

Münsteraner erinnern sich an Jahrhundert-Unwetter

Münster

Überflutete Straßen, umgestürzte Bäume und vollgelaufene Keller: Das Jahrhundert-Unwetter am 28. Juli 2014 hat in Münster eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Vielen Münsteranern ist der Tag sehr lebhaft in Erinnerung geblieben. Wir haben unsere Leser aufgerufen, ihre Erlebnisse an den großen Regen mit uns zu teilen.

wn

Viele Menschen in Münster waren von den schweren Regenfällen betroffen. Es kam zu teils schweren Unfällen, Keller und Wohnungen wurden überflutet. Foto: ah

Bis zu den Knien:

[...] Da war ein Szenario, das ich so noch nie gesehen hatte. Ich lief durch einen schnell fließenden Bach, der sich gebildet hatte. Im Haus angekommen, schaute ich genau auf den Kellerflur und wunderte mich über das Spielzeug, das ich dort unten sah. Es dauerte einen Moment bis ich Begriff, dass es schwamm. Ich ging hinunter und stand bis zur Wade im Wasser. Wir hatten einen zusätzlichen Kellerraum angemietet, in dem vorher der Öltank untergebracht war. Dieser lag ca 25 cm tiefer als die normalen Kellerräume. Leichtsinnigerweise ging ich die Stufe hinunter und stand bis zu den Knien im Wasser. Gott sei Dank haben die Stromstecker der Verlängerung über einer Stuhllehne gehangen, aber im Nachhinein wurde mir unwohl. [...] Barbara Blechert

Gemeinsam geschöpft:

[...] Wir machten uns sofort auf den Rückweg und wurden in unserer Straße schon sehnsüchtig von unseren Nachbarn mit Eimern erwartet. Die Keller standen „nur“ knietief unter Wasser und hatten somit leider – oder besser gesagt Gott sei Dank – nicht die Marke erreicht, für die die Feuerwehr anrücken musste. Für sie gab es durchaus bedrohlichere Situationen in Münster, wo man sie dringender benötigte.

So haben wir die Ärmel hochgekrempelt und bis Mitternacht gemeinsam weiter geschöpft, diverse Gegenstände in Sicherheit gebracht oder auch direkt entsorgt. Brigitte Mühlenhoff

Vollgelaufene Busse:

[...] Als ich gegen 21 Uhr zu Hause ankam, rief mich meine Mutter auf meinem Mobiltelefon an, ich solle meinem Vater ausrichten, er solle sie vom Lidl abholen. Sie kam gerade von der Arbeit. Die Busse steckten in einer langen Schlange zwischen den beiden Kreisverkehren im Kinderhauser Zentrum im Wasser fest. Die Busse waren voll gelaufen und meine Mutter hatte panische Angst auszusteigen, da sie Nichtschwimmerin ist. Mein Vater stand bis zum Bauch im Wasser und holte meine Mutter mit Hilfe eines Stockregenschirmes aus dem überschwemmten Bus. Alle Gullys waren zu diesem Zeitpunkt mit den Wassermassen überfordert und übergelaufen. Am gesamten Idenbrockplatz gab es keinen Strom und kein Telefon. [...] Ines Fischer

 

Nie vergessen:

[...] Ein Tag, den ich nie vergessen werde. Als es im Laufe des Tages anfing zu regnen, habe ich nie damit gerechnet, was das für mich bedeutet – den Arbeitsaufwand, Stress, Müdigkeit, Erschöpfung [...]. Eins hat dieses Ereignis gezeigt: Eine gute Nachbarschaft ist sehr viel wert. Danke Haxthausenweg!Manfred Jürling

Die Liebe des Lebens:

Vom 15. Juli bis zum 7. August 2014 habe ich mich aufgrund einer Streptokokkeninfektion am linken Bein im Clemenshospital aufhalten müssen. [...] In den Tagen um den 28. Juli herum habe ich über das Internet jemanden aus Heidelberg kennengelernt, der zeitgleich ebenfalls mehrere Wochen im Krankenhaus liegen musste. Über unseren Austausch und dem gemeinsamen Vertreib der Langeweile, in dem wir täglich miteinander geschrieben haben, ist eine Freundschaft entstanden, aus der sich innerhalb kurzer Zeit die Liebe meines Lebens entwickelt hat. Seit dem 27. November 2015 sind wir [...] verheiratet. Christian Kaiser

Beim Umzug erwischt:

Mitten im Umzug ereilte uns das Unwetter. Der Starkregen durchweichte in Nullkommanichts die Kartons. Bis heute trauere ich Briefen, Bildern, Mix-Tapes und persönlichen Gegenständen nach, die nicht gerettet werden konnten [...]. Die Einbauküche stand im Keller bereit, um eigentlich am nächsten Morgen in der neuen Mietwohnung montiert zu werden. Doch daraus wurde nichts, weil das Wasser nach dem Gewitter in kürzester Zeit brusthoch in den Kellerräumen stand, den Elektroherd, die Waschmaschine und ganz neue Geräte zerstörte. Der Arbeitgeber half mit einem Notkredit, wofür ich gar nicht genug danken kann.

Ein weiterer Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit des tagelangen Stromausfalls im Mehrfamilienhaus: Sofort waren wir mit allen Nachbarn per Du. Alle hatten im Keller versucht zu retten, was zu retten war. Wir halfen uns gegenseitig mit Kerzen, Kühlakkus und Campingkochern aus, bis in den August hinein. Not macht erfinderisch. [...] Die Welle der Hilfsbereitschaft im Kreuzviertel hat uns am Ende durch diesen qualvollen Sommer getragen. Stefan Querl

Sturz in der Tiefgarage:

Gegen 21.30 Uhr gehe ich in die Tiefgarage. [...] Und schon ist es passiert: Ich rutsche aus, liege auf dem Rücken wie eine Schildkröte. Und ich lache, lache bis zufällig Nachbarn auf mich aufmerksam werden und fragen, ob alles in Ordnung ist. Jetzt erst merke ich, dass mein rechtes Bein völlig verdreht ist und sich nicht mehr bewegen lässt. Einer der Nachbarn erkennt sofort den Ernst der Lage und ruft den Rettungsdienst der Feuerwehr. Ich lache immer noch. Es folgen: Notaufnahme im St.-Franziskus-Hospital, erste Untersuchungen, Warten auf einer Liege im Flur, weil die Aufnahme völlig überfüllt ist, die erste Nacht im Krankenhaus mit Gewitter und vielen Schmerzmitteln. Als ich spät am Abend des nächsten Tages aus der Narkose erwache, habe ich ein neues Hüftgelenk. Großen Dank an die professionelle Hilfe der Nachbarn, des Teams der Feuerwehr und des Franziskus-Hospital. Hans-Josef Rossi

Seenlandschaft Münster:

Der 28. Juli 2014 wird mir immer in besonderer Erinnerung bleiben. An diesem Tag musste sich mein Partner einer komplizierten Operation im Herz-Jesu-Krankenhaus in Hiltrup unterziehen. Ich wartete den ganzen Tag angespannt auf den Anruf aus dem Krankenhaus über den Ausgang der Operation. [...] Der erlösende Anruf aus dem Krankenhaus kam erst gegen 19 Uhr, und ich war mit meinen Nerven ziemlich am Ende. Schnell zog ich mir eine Jacke über und stieg ins Auto, um einen Kurzbesuch im Krankenhaus zu machen. Leider kam ich nicht weit, schon die nächste Straße war überflutet, um mich herum eine Seenlandschaft. Mir blieb nur übrig, umzukehren. Ich rief im Krankenhaus an und bat die Schwester, meinem Partner einen Gruß auszurichten. Sie gab ihm das Telefon, und so konnte ich einen Satz mit ihm sprechen. Wir freuen uns jedes Jahr über den für ihn glücklichen Ausgang diesen Tages und feiern seinen zweiten Geburtstag an diesem besonderen Tag. Bärbel Freimuth

Geburtstag ohne Gäste:

Am 28. Juli habe ich Geburtstag. An besagtem Tag fiel dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, ins Wasser. Kein Gast kam, da sich niemand traute, mal eben zu mir „rüberzuschwimmen“. Einzig meine Mutter und mein Sohn saßen mit mir bis in die Nacht hinein mit bangem Blick in den finsteren Himmel: Wann hört das bloß endlich auf...? Barbara Mayer

Hilfsbereite Menschen:

[...] Wir kamen an Vorgärten vorbei, die überspült wurden. Auf der rechten Seite war das Hotel Mövenpick und links der Straße kamen wir an einem weiterem Auto vorbei, was von einem dickem Baum zerschlagen war. Nur noch ein einziges Stück Schrott, gut dass dort niemand mehr drin gesessen hatte. In einem späteren Artikel in der Zeitung las ich, dass die Familie, der dieses Auto gehörte, im Mövenpick übernachten konnte, da sie von auswärts kam. Überall wo wir hinschauten, waren die Menschen bereit zu helfen. Petra Krabbe

Startseite