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Online-Betrüger bei Facebook

„My dear“ – Vorsicht vor falschen Freundinnen

Münster

Sie sieht klasse aus. Aber Alice ist nur ein Phantom. Eine gestohlene Identität. Ein Fall von Internet-Scamming. Unser WN-Reporter hat sich auf einen kriminellen Chat mit ihr bei Facebook eingelassen – bis zum finalen Knackpunkt. Am Ende wollen die Betrüger immer nur das eine: Geld.

Günter Benning

 Wenn man lange nach Alice im Internet sucht, wird man auf vielen Seiten fündig. Ein typischer Fall von Scamming. Foto: -

Manchmal weiß man ja nicht mehr, wie man an seine Freundinnen gekommen ist. Zum Beispiel an „Alice“ aus Brisbane, Australien. Irgendwann muss sie bei mir nachgefragt haben. Eine lächelnde Brünette, so 19 Jahre alt vielleicht. Ein Klick, schon war sie eingereiht in meine jetzt 391 Facebook-Freunde. Von denen die meisten stumm sind wie Fische im Netz. Wer denkt denn da gleich an Betrug?

Respektable Freunde

Alice David hat ja auch, wie ich vorsichtshalber nachsah, andere respektable Freunde, die meine Freunde sind. Nämlich drei gediegene CDU-Ratsherren und zwei ebensolche SPD-Leute aus Münster, die wiederum – alles zusammen gerechnet – 3000 Facebook-Freunde ihr eigen nennen. Da zählt man nicht mehr einzeln nach.

Alles war gut, bis zu jenem schüchternen „Hello“ von Alice auf meinem PC, mit dem die Sache begann. Die Sache, das ist ein Chat, in dessen Verlauf Eltern sterben, Liebhaber verunglücken, und überhaupt alles plötzlich nicht in Brisbane, sondern in Ghana spielt. Am Golf von Guinea, im Reich der Scamming-Gauner.

Bilder rückwärts suchen

Nun bin ich nicht naiv, und speichere erst einmal das Konterfei von Alice auf meinen Computer. Dann lese ich es bei der Rückwärtssuche von Google ein und erfahre, dass Alice dort als bubbles007 (30) aus Hamburg geführt wird, 1,75 Meter, groß, 67 Kilo leicht. Auf dem Portal Kokoliko heißt sie Rita Agyei und ist 43. Oder: Antionette Love. Man kann es auch mit dem kleinen Programm „tineye“ probieren, das Alice auf einer australischen Partnerbörse findet. Oder als Maberly (30) aus Kanada auf einer russischen Flirtseite. So klein ist die Welt. Und ich suche erst gar nicht weiter.

Ein Fall von Scamming

Nachdem die Fronten – für mich jedenfalls – damit geklärt sind, schallere ich Alice ein freundliches „Hello“ zurück. Natürlich verrate ich nicht, dass ich weiß, was Scamming ist: Identitätsklau im Reich des Digitalen. Die Kripo warnt davor. Immer wieder fallen Chatter darauf rein. Die Kriminellen arbeiten international.

Mal gucken, wie sie das machen: Dämliche triebgelenkte Mitteleuropäer um den digitalen Daumen wickeln, Fantasy-Stories erzählen, am Ende Geld dafür kassieren. Wie Ulrich Bahlo, Erster Kriminalhauptkommissar und Chef des Kommissariats Internetkriminalität am Friesenring in Münster, das mal so schön gesagt hat: „Falsche Identitäten angeben, ist die moderne Form des Diebstahls...“

Laut Wikipedia sind dem FBI für 2011 rund 50,3 Millionen Dollar gemeldet worden, die US-Bürger an afrikanische Romance-Scammer überwiesen haben. Die Opfer waren zu rund 80 Prozent Frauen. In Europa soll es bislang rund 200000 Opfer geben. Eine der größten deutschen Singlebörsen, FriendScout24, identifiziert und löscht laut Wiki täglich über 1000 Profile von Romance-Scammern.

Oh, my dear

Mit Alice reden, ist eine etwas eintönige Sache. Sie fragt nach dem Wetter, will wissen, was ich tue. Und garniert jeden Satz, von Anfang an, mit dem Schmeichelwort „my dear“. Ich antworte mit Zwei-Wort-Sätzen.

„Mein Lieber“! Wir kennen uns doch noch gar nicht. Jedenfalls erfahre ich schnell, dass Alice gerade in Ghana weilt. Afrika, Westafrika, hier studiert sie „Accouting“ und lebt bei ihrer Großmutter. Denn ihre Eltern hat sie mit 13 verloren, bei einem Autounglück. Auch ihr Freund, ist tot, vor zwei Jahren – auch ein Autounfall. Fremder, meide Ghanas Straßen. Alice ist also, sagt sie, ganz allein. Später frage ich mal, so aus Spaß, „wie geht es deiner Schwester?“ Und gleich erzählt sie mir von einer Schwester – wie aus dem Hut gezaubert. Ein Bruch in der Logik.

Zum Hintergrund

Hier sind Tipps der Polizei nachzulesen.

Ich stelle mir also derweil ein afrikanisches Callcenter vor, in dem Lohnarbeiter und -arbeiterinnen gegen wenig Geld jeden Schwachsinn verzapfen müssen. Vielleicht läuft das auch in Heimarbeit. Vorher haben Serientäter im Netz Bilder kopiert von echten Alices und packen sie nun im Wunderland des Netzes in neue Phantasie-Gehäuse. Jedes Kind könnte das. Ein bisschen naiv ist das auch.

Reisen kostet Geld

Die Literatur im Netz dokumentiert viele Fälle, wo falsche Balzpartner Gesundheitsprobleme bekommen, dringend auf Reisen müssen, den lieben Chatter sehen wollen. Und dafür brauchen sie natürlich eines: Geld, Geld und noch mal Geld. Viele fallen darauf rein, zahlen und gucken in die Röhre.

Also muss ich nur warten. Jeden Tag baggert Alice ein bisschen mehr. Ich sage zwar ganz offen, dass ich für eine Zeitung arbeite. Aber das ändert nichts, vielleicht versteht sie es gar nicht. Oder „Sie“ ist ein Computer. Sie fragt, wie das Wetter ist. Dann kommt lange nichts. Und plötzlich, wie ein Blitz, aus heiterem Himmel eine lange Rede über Traummänner, über Ehe, Kinder, Familie. Nach dem stockenden Gestammel vorher weiß man also, hier greift Alice behende auf einen Textbaustein zurück. Copy, Paste, fertig. Da muss der Angesprochene gar nicht viel dazu sagen.

Und dann das Problem: Sie könne bald nicht mehr chatten, stöhnt Alice nach ungefähr zwei Wochen, die Telefongesellschaften werde ihre Leitung kappen. Tja, das ist in Ghana mittlerweile auch so: Es gibt kein Leben ohne Chatten. Wie teuer soll es denn sein? „700 Dollar“, schalmeit Alice zurück, „ich brauche deine Hilfe.“

Beim Geld hört die Liebe auf

So läuft der Hase also. Und mehr wollte ich auch nicht wissen. Also hab ich Alice schnöde angeschwiegen, obwohl sie noch ein paar Mal „Hello“ in meinen Chat-Raum hauchte. Beim Geld hört die Sympathie auf. Und so wichtig war mir diese Erkundigung dann auch nicht.

Im Gegenteil, meine Gattin schimpfte bereits und fürchtete sich davor, dass die Internet-Mafia via Alice unseren Computer infizieren, unser Konto leerräumen und uns sonst wie schädigen könnte. „Lass mal die Recherche“, sagte sie, „wer weiß.“

Mittlerweile hat Facebook die Sache für mich geklärt. In dem Chat, der so schön übersichtlich in meinem Email-Eingang protokolliert war, tauchen plötzlich überall dort, wo Alice ihre Sätze hingeschmachtet hatte, gelbe Schilder auf: „Diese Nachricht ist nicht mehr verfügbar, da sie als missbräuchlich oder Spam markiert wurde.“

Siehste. Da gab es wohl noch andere, die Alice nicht auf den Leim gegangen sind.

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