Amokfahrt am Kiepenkerl

Nach zwei Jahren sind die Akten noch nicht geschlossen

Münster

Zwei Jahre nach der Amokfahrt am Kiepenkerl sind die Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft Münster noch nicht abgeschlossen. Es spricht aber offenbar alles dafür, dass der Täter allein gehandelt hat.

spe/dpa

Der Platz vor dem Kiepenkerl ist in Coronazeiten menschenleer. Als am 7. April 2018 ein offenbar psychisch labiler Münsteraner seinen Wagen hierher steuerte, waren die Tische der Außengastronomie dicht besetzt. Foto: Oliver Werner

Wilma von Westphalen, die Wirtin des „Großen Kiepenkerl“, hat zurzeit vor allem mit der Bewältigung der Corona-Krise zu tun. Dass ihr Restaurant vor genau zwei Jahren schon einmal unvorstellbar schlimme Zeiten erleben musste, ist dagegen eher in den Hintergrund gerückt.

„Die Amokfahrt hat eigentlich in den zurückliegenden Monaten bei uns im Team keine Rolle mehr gespielt“, berichtet die Wirtin. „Jetzt aber mussten wir für einige Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Per Whatsapp halten alle Kontakt und muntern sich auf.“

Trost und Zuspruch

Trost und Zuspruch: Das war auch am 7. April 2018 und in den darauffolgenden Wochen und Monaten bitter nötig. An diesem frühsommerlich schönen Samstagnachmittag war ein offenbar psychisch labiler Münsteraner mit seinem Kleinbus absichtlich in die Außengastronomie am Kiepenkerl gerast. Zwei Menschen kamen sofort zu Tode, zwei weitere starben später an den Folgen, der Fahrer erschoss sich unmittelbar nach der Tat. 30 Menschen wurden damals verletzt, 26 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Kein religiöses oder politisches Motiv

Diese Zahlen stammen aus dem umfangreichen polizeilichen Abschlussbericht, der seit August 2019 der Staatsanwaltschaft Münster vorliegt. Seitdem würden die insgesamt 17 Aktenordner sorgfältig ausgewertet, berichtet Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt – endgültig abgeschlossen sei der Fall indes noch nicht.

Amokfahrt am Kiepenkerl

Die Berichterstattung zur Amokfahrt am Kiepenkerl haben wir in unserem Special gebündelt.

Nach derzeitigem Kenntnisstand spreche allerdings nichts dafür, dass Dritte an der Amokfahrt beteiligt waren oder auch nur im Vorfeld davon wussten; auch für ein religiöses oder politisches Motiv gebe es keine Anhaltspunkte. Da die Tat offenbar in der „Persönlichkeit des Täters“ begründet war, würden aktuelle Ereignisse, die dringend die ungeteilte Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft erforderten, unter Umständen bevorzugt bearbeitet werden müssen.

Wilma von Westphalen

Gastwirtin Wilma von Westphalen hat sich in der Vergangenheit über „Katastrophen-Tourismus“ geärgert – zuletzt noch über zwei Reiseführer, die ihren Betrieb in direktem Zusammenhang mit der Amokfahrt nannten: „Wenn Betroffene kommen, um das Erlebte zu verarbeiten, ist das in Ordnung. Alles andere macht mich fassungslos.“

Zuletzt sei ein Paar erschienen, das bei der Amokfahrt auf dem Platz gesessen hatte und körperlich unverletzt geblieben war. „Sie waren seitdem zum ersten Mal wieder in Münster. Wir haben uns nur angeschaut – und uns ohne Worte verstanden.“ Auch angesichts der Corona-Krise zeigt sich die Gastronomin optimistisch: „Wir schlagen uns gut. Ich bin sehr dankbar, wie die Politik das gerade alles regelt und wie der Staat funktioniert.“

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