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Lust an der Provokation

Nachtwei erinnert sich an Studentenbewegung

Münster

Das Jahr 1968 steht für die Zeit des Aufbruchs und der Revolte, die vor 50 Jahren von den Studenten ausging. Winfried Nachtwei, ehemaliger münsterischer Bundestagsabgeordneter der Grünen, hat diese Zeit als Student in Münster erlebt.

Karin Völker

Winfried Nachtwei (l.) bei einer Sitzung der Fachschaft Geografie im Jahr 1968 oder 1969. Foto: privat

Jahrestage sind immer ein Signal für die Erinnerung. So ging es in der Universitätsstadt Münster vielen – inzwischen Älteren –, die 50 Jahre zurückdachten: 1968, das war Aufbegehren, Protest, Spontanität, Gemeinschaftsgefühl.

Winfried Nachtwei ist jetzt 72 Jahre alt, im Jahr 1967 hatte er angefangen, an der Universität Münster Geschichte und Geografie zu studieren. Er hat seine Erinnerungen an die bewegten Jahre schon bei früherer Gelegenheit zusammengefasst – und 2018 wieder hervorgeholt.

Die Erinnerungen des späteren langjährigen münsterischen Bundestagabgeordneten der Grünen erschöpfen sich nicht mit dem Jahr 1968 – auch 1969 und in den 70er-Jahren ging die Studentenbewegung weiter.

Weniger Rechte für Studenten als für Soldaten

Winfried Nachtwei, aufgewachsen in Düsseldorf, war nach seinem Bundeswehrdienst mit, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, eher konservativen, CDU-nahen Grundeinstellungen als 21-Jähriger zum Studium nach Münster gekommen. Hier erlebte er eine Universität, in der Studenten weniger Rechte hatten als die Soldaten in der Bundeswehr – wo es wenigstens eine Beschwerdestelle gegeben hatte.

Auseinandersetzungen gab es zuerst nicht in Form von Demonstrationen mit revolutionärem Gestus, sondern Anregungen der Studenten, den Stoff des Studiums zu erweitern.

Winfried Nachtwei Foto: privat

1967 ist Nachtwei dabei, als nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten in Berlin in Münster Tausende Studenten in einem Schweigemarsch durch die Stadt ziehen, die Transparente mit Protestslogans – noch – eingerollt. 1968 nimmt Nachtwei – eher noch als Beobachter, wie er schreibt – in Bonn an einer Großdemonstration gegen die Notstandsgesetze teil und erlebt dabei den Protest vorwiegend als buntes Happening.

Große Studentenversammlung

Vier Tage später hakt er sich selbst bei seinem Freunden aus der Fachschaft Geschichte bei einer Demo in Münster unter und gibt, „bundeswehrgestählt“, den „Brüllaffen“, so seine Erinnerungen – und es machte ihm „unheimlich Spaß“. Dass dabei gar nicht die politischen Zusammenhänge im Vordergrund standen, sondern der „gruppendynamische Prozess“ – das wurde mir erst später klar“, erinnert sich Nachtwei. Seine Motivation, hier auf die Straße zu gehen, war auch die Lust an der „politisierenden Provokation fürs müde, zufriedene Münster“.

Eine Institutsbesetzung im Fürstenberghaus im Jahr 1969. Foto: Stadtarchiv

Die Art und Weise, wie bei einer großen Studentenversammlung im Hörsaal H1 der Uni zuvor mit andersdenkenden Studenten vom CDU-nahen RCDS umgegangen wurde, fand Nachtwei „falsch und abstoßend“. Trotzdem ging er anschließend bei der Demo der Linken mit, brüllte ihre Parolen. Das Studium war für den in einem konservativen Umfeld aufgewachsenen Nachtwei eine Zeit von Bewusstseinswandel und Zweifel.

In seinen Erinnerungen hatte Nachtwei vor etlichen Jahren die Statistik des Polizeipräsidiums Münster konsultiert: Für 1968 werden 45 öffentliche Versammlungen und Aufzüge aufgeführt, davon zehn mit Anzeigenerstattung.

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