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Lesung in der Pension Schmidt

Niemals Chemnitz aufgeben

Münster

Zwischen Ernst und Ironie – bei ihrer Lesung unterhält Paula Irmschler das Publikum in der Pension Schmidt mit trockenem Humor. Dabei geht es um gute Freundinnen in Chemnitz und die Angst vor Nazis.

Gesa Born

Autorin Paula Irmschler las in der Pension Schmidt aus ihrem Buch „Superbusen“. Foto: Gesa Born

Den Twitter-Account namens „Hat heute in Chemnitz ein ICE oder IC gehalten?“, den Paula Irmschler in ihrem Buch „Superbusen“ erwähnt, gibt es wirklich. Jeden Tag wird hier ein „Nein“ gepostet. Die schlechte Anbindung von Chemnitz sei „wichtig für die Identität der Stadt, die viel mit einem ironischen bis ernst gemeinten Underdog-Gehabe“ zu tun habe, zitiert Paula Irmschler bei ihrer Lesung in der Pension Schmidt aus ihrem Roman.

Zwischen Ironie und Ernst bewegt sich auch das Buch, in dem es neben WG-Romantik und Freundschaft auch um die Neonazi-Aufmärsche in Chemnitz im Jahr 2018 geht. Studentin Gisela, Protagonistin des Buches und Mitbegründerin der Frauenband „Superbusen“, steht auf Seite der Gegendemonstranten.

Bedeutsame Stille in der Pension Schmidt

Normalerweise würde sie sich mit ihren Antifa-Freunden über „klischee-sächsische“-Sprüche wie „Deitsch und frei wolln ma sei“ lustig machen. An dem Tag bleibt ihnen aber das Lachen im Hals stecken, denn es kommen immer mehr Nazis.

Zurück in der WG-Küche, fragen sie sich erschöpft: „Wie konnte so wenig Polizei vor Ort sein? Wie haben die Nazis es geschafft, so viele Leute in weniger als 24 Stunden auf die Straße zu bekommen?“ Die bedeutsame Stille in der Pension Schmidt wird durchbrochen von Irmschlers trockenem Kommentar: „Das ist jetzt erstmal so ein bisschen ein Downer, das mit den Nazis.“

Geschmunzelt wird, als die „Titanic“-Redakteurin vorliest, wie Gisela in nur einer Nacht mit freundschaftlicher Hilfe eine Hausarbeit fertigstellt. In Aussagen wie „Milch ist die Währung in Wohngemeinschaften. Vergleich: Zigaretten im Knast“, scheint sich das studentische Publikum wiederzufinden.

Dabei ist der Ton der Autorin durchweg lakonisch. Als es ums Klauen im Supermarkt geht, distanziert sie sich spöttelnd von ihrer Hauptfigur: „Ich hab‘ das natürlich komplett erfunden, weil Diebstahl ist ja verboten. Da hab‘ ich dann in so Foren im Darknet recherchiert.“ An einer anderen Stelle lacht sie über ihre eigenen Worte: „Dass das nicht rauslektoriert wurde, überrascht mich immer wieder.“

Frauenfreundschaften im Fokus

Vor allem um Frauenfreundschaft geht es in „Superbusen“: „Mir war egal, ob es eine Band werden würde. Ich wollte ganz einfach, dass wir uns nie wieder trennen“, so Hauptfigur Gisela. Das Gerücht, „mehrere Frauen auf einem Haufen ergäben immer Stress‘“, sei ihrer Überzeugung nach Blödsinn.

Auch wegen Freundin Fred bleibt Gisela sieben Jahre in Chemnitz. Zusammen checken sie die Facebook-Gruppe „Wo ist Rotkäppchen im Angebot?“, reden über alles und halten sich bei ihrer Garderobenarbeit in einem Club ihre Rücken frei.

Fred zeigt Gisela auch, was in der Stadt „jenseits von dem geht, was man auf den ersten Blick sieht“. Das Umland, die Parks und leerstehende Häuser. Sie gibt Chemnitz nicht auf: „Was glaubst du, wenn alle hier wieder abhauen? Es müssen doch Leute bleiben.“

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