1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Parkgebühren veruntreut: "Nicht so systematisch kontrolliert"

  6. >

Prozess gegen ehemalige Stadt-Mitarbeiter

Parkgebühren veruntreut: "Nicht so systematisch kontrolliert"

Münster

Eigentlich müssen sich zwei Ex-Mitarbeiter der Stadt wegen des Vorwurfs der Unterschlagung vor dem Schöffengericht verantworten. Doch plötzlich sind laxe Kontrollen der Verwaltung das eigentliche Thema im Gerichtssaal.

Von Dirk Anger

Die beiden angeklagten Ex-Mitarbeiter der Stadt haben am Dienstag beim Prozessauftakt gestanden, Geld aus Parkautomaten veruntreut zu haben. Foto: Oliver Werner (Archivbild)

Für die beiden früheren Bediensteten der Stadt Münster hätte der Prozessauftakt schlechter laufen können. Dass sie Geld aus Parkscheinautomaten in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten, räumten sie am Dienstag vor dem Schöffengericht ein. Schließlich war die Beweislast erdrückend.

Ob es sich allerdings um die von der Staatsanwaltschaft vorgeworfenen knapp 352 000 Euro gehandelt hat, stellte die Verteidigung des 63-jährigen Mannes aus Münster und des 39-jährigen Mitangeklagten in Zweifel.

Die Frage nach der Kontrolle

Die Beweisaufnahme jedenfalls kreiste stundenlang um die Frage, ob und wie die Stadt den Geldfluss von den Parkautomaten über die Sparkasse bis zur Stadtkasse im Tatzeitraum zwischen Januar 2018 und Anfang 2020 überhaupt kontrolliert und nachvollzogen hat.

„Damals hatten Sie keinen Überblick“, hielt der Richter dem inzwischen in Altersteilzeit befindlichen früheren Leiter des Tiefbauamtes vor, zu dessen Verantwortungsbereich die Parkraumbewirtschaftung gehörte. „Nicht in der Genauigkeit wie heute“, räumte der Zeuge vage ein – und betonte mehrfach, dass vieles jetzt besser sei als damals.

Das wiederum interessierte das Gericht wenig. Vielmehr stand die Frage im Raum, wie denn nun der genaue Schaden von der Stadt ermittelt worden sei.

Für die beiden Angeklagten schien es ein Leichtes gewesen zu sein, Geld aus den Automaten für ihre Zwecke abzuzweigen. Eigentlich sollten sie diese an drei Tagen in der Woche gemeinsam leeren und die Geldkassetten, die sie mittels speziellem Schlüssel entnehmen konnten, bei der Sparkasse abliefern. Dort wurden die Kassetten mit einem anderen Schlüssel geöffnet, das Geld entnommen, gezählt und an die Stadtkasse überwiesen.

Täter machen sich defekte Geldkassetten zunutze

Doch sechs Geldkassetten waren defekt und ließen sich ohne den sogenannten B-Schlüssel öffnen. Diesen Umstand machten sich die Täter zunutze: Statt ihre Vorgesetzten über den technischen Fehler zu informieren, vereinnahmten sie das Geld aus den Kassetten für sich. Diese setzten sie immer wieder an viel frequentierten Parkscheinautomaten wie am Ludgeriplatz oder in der Nähe des Servatiiplatzes ein.

Um nicht aufzufallen, ließen die beiden Männer Beleg-Bons anderer Automaten verschwinden, um zumindest die am Ende eingezahlte Summe annähernd passend erscheinen zu lassen. An fehlenden Bons schienen sich die Zuständigen im Amt nicht sonderlich zu stören. Und die Listen über die eingereichten Belege durfte der 39-jährige Angeklagte später sogar selbst führen.

61-jährige Zeugin vor Gericht

Ob es systematische Kontrollen gegeben habe, wollte der Richter wissen. „Wir haben angenommen, dass wir ein sicheres System haben und die Mitarbeitenden ehrlich sind“, entgegnete die eine 61-jährige Verwaltungswirtin als Zeugin. Es sei „nicht so systematisch kontrolliert worden“, räumte sie später noch ein.

Selbst als Ende 2018 bis zu 40 000 Euro fehlten, schob man dies auf zehn monatelang defekte Parkscheinautomaten – eine fatale Fehleinschätzung. Angesichts der „erheblichen Schwierigkeiten“ bei Schadensberechnung sowie Zahl der Taten drang die Verteidigung auf eine Einstellung des Verfahrens unter Auflagen. Doch das Gericht will mithilfe weiterer Zeugen Licht ins Dunkel bringen. Am 22. Februar wird der Prozess fortgesetzt.

Startseite
ANZEIGE