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Interview mit Prof. Volker Quaschning

„Personalmangel ist die Achillessehne“ der Energiewende

Ein „kräftiger Ruck“ ist notwendig, wenn Deutschland das Pariser Klimaabkommen einhalten will, sagt Professor Volker Quaschning. Für ihn ist das Handwerk der Schlüssel zur Energiewende. Und da gibt es ein Problem.

Prof. Volker Quaschning  Foto: Janine Escher

Deutschland wird seinen Energiebedarf bis 2040 vollständig aus erneuerbaren Energien decken können. Das zumindest sagt Volker Quaschning. Im Interview mit der Handwerkskammer spricht der Professor für Regenerative Energiesysteme über seinen Lösungsansatz zur Begrenzung der globalen Erwärmung mithilfe des Handwerks.

Herr Quaschning, kann die Energiewende noch gelingen?

Volker Quaschning: Zeitlich wird es eng, will Deutschland das Pariser Klimaschutzabkommen noch einhalten. Dazu ist Eile und ein kräftiger Ruck erforderlich – wir müssen schon in den 2030er Jahren klimaneutralwerden und uns vollständig von Kohle, Öl und Erdgas verabschieden. Technisch ist das umsetzbar. Derzeit machen erneuerbare Energien 20 Prozent der Energiequellen aus. Wir müssen auf 100 Prozent kommen und dafür konsequent auf mehr Windparks und Solarenergie setzen. Wasserkraft und Biomasse bringen nur vergleichsweise wenig.

Besteht dann nicht das Problem der Dunkelflaute, also eine unzureichende Stromversorgung, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht?

Quaschning: Dafür sind sehr große Speicher die Lösung. Die Technik existiert schon, aber für die Anwendung brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Je mehr Speicher wir bauen, desto schneller gelingt der Kohleausstieg durch den Ersatz durch Windkraft und Sonnenenergie.

Welche Rolle spielt das Handwerk für die Energiewende?

Quaschning: Das Handwerk ist der Schlüssel zur Energiewende. In den nächsten Jahren müssen riesige Mengen an Solarmodulen installiert, Windräder aufgestellt, Gebäude gedämmt und Heizungen ausgetauscht werden. Für den Ersatz von Benzin- und Dieselautos durch Elektrofahrzeuge ist der energische Ausbau der Ladeinfrastruktur erforderlich. Das alles ist eine Herkulesaufgabe. Wir brauchen noch mehr Menschen, die im Handwerk die Energiewende umsetzen wollen. Die Nachwuchsgewinnung ist das Nadelöhr für das Erreichen des Klimaschutzes. Wir benötigen pro Jahr mindestens die vierfache Menge an Photovoltaik-Anlagen. Für die Ausführung werden 100 000 zusätzliche Menschen im Handwerk gebraucht. Die Technik und das Geld sind da, aber der Personalmangel ist die Achillessehne.

Welche Lösungen empfehlen Sie für Verkehr und Mobilität?

Quaschning: Elektro ist derzeit der wirtschaftlichste alternative Antrieb für Kraftfahrzeuge. Bei Transportern und kleinen Lkws gibt es immer noch eine Angebotslücke. Hier müsste Druck auf die Automobilindustrie ausgeübt werden. Wer ein Nutzfahrzeug ersetzen möchte, dem empfehle ich, nicht noch einmal ein falsches Auto zu kaufen, sondern ein Jahr zu warten und auf Elektro zu setzen.

Viehhaltung ist ein CO2­Treiber. Wie können Fleischereibetriebe, die nachhaltig arbeiten möchten, damit umgehen?

Quaschning: Der Fleischkonsum muss weltweit sinken. Wer weiterhin Fleisch isst, sollte auf Qualität aus der Region setzen, statt auf Masse. Fleischerbetriebe sind sicher gut beraten, ihr Angebot auf regionale und ökologische Produktion abzustellen. Und man kann sich auch etwas von den großen Anbietern abgucken, die zunehmend vegetarische und vegane Ersatzprodukte herstellen.

Können Betriebe noch Weiteres fürs Klima tun?

Quaschning: Ja – eine eigene PV-Anlage aufs Dach setzen, Speicher für Strom nutzen und durch Eigennutzung die Energiekosten senken. Das lohnt sich bei weiter steigenden Energiepreisen finanziell.

Volker Quaschning ist am 9. November zu Gast auf dem Nachhaltigkeitstag der Handwerkskammer Münster.

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