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Digitale Aktion zu Missbrauch

Pfoten weg von Kindern

Münster

Eine Aktionswoche musste noch ausfallen, aus einem Theaterstück aber wurde kurzerhand ein Film – zum Schutz von Kindern vor Missbrauch.

Timo Gemmeke

Hoffen auf weitere gute Zusammenarbeit gegen sexuellen Kindesmissbrauch (von links): Irmi Wette (Verein „Pfoten weg!“), Sigrid Pehle (Weißer Ring Münster), Falk Schnabel (Polizeipräsident Münster) und Cordula Meyer (Opferschutzbeauftrage der Kriminalpolizei Münster).  Foto: Timo Gemmeke

Mit einem Aktionstag auf dem Schlossplatz haben der Weiße Ring Münster und der Verein „Pfoten weg!“ jetzt gemeinsam mit anderen Initiativen auf sexuellen Missbrauch von Kindern aufmerksam gemacht. Eigentlich war eine ganze Woche mit verschiedenen Veranstaltungen in Schulen und Kindergärten geplant – auch mit Blick auf den bald endenden Prozess gegen den Hauptangeklagten im Missbrauchskomplex Münster. „Wegen der Pandemie mussten wir die Aktionswoche leider absagen“, sagt Sigrid Pehle vom Weißen Ring Münster. „Dabei zeigen nicht nur die Fälle von Lügde oder Münster, wie groß das Problem ist, sondern auch die Pandemie selbst.“

Aufgrund des Lockdowns und der Corona-Regelungen mussten auch Irmi Wette und Gerhard Schmid vom Verein „Pfoten weg!“ umplanen. Ihr Theaterstück – ebenfalls „Pfoten weg!“ genannt – sollte während der Aktionswoche als Präsenzveranstaltung in Kindergärten und Schulen gezeigt werden. „Als das dann auch nicht mehr ging, haben wir uns gefragt, wie wir den Schutz vor der Pandemie und Schutz vor sexualisierter Gewalt verbinden können“, erzählt Wette. Das Ergebnis: eine digitalisierte Version des Theaterstücks als Film, den Kinder mit ihren Lehrern in der Schule oder zuhause mit ihren Eltern schauen können. Als kostenfreie Aktion soll das Online-Theaterstück in dieser Woche in allen Grundschulen Münsters gezeigt werden.

Weil zum Ende des Stücks immer ein Gespräch zwischen den Handpuppen-Protagonisten – etwa den Schweinchen „Sausi“ und „Brausi“ – und den Kindern geplant ist, haben sich Wette und Schmid auch hier für die digitale Version entschieden. „Via Videochat können die Kinder jetzt interaktiv verschiedene Arbeitsblätter bearbeiten und die Figuren helfen ihnen dabei“, erklärt Wette. So soll  Kindern auch zu Pandemiezeiten die Botschaft des Films vermittelt werden: gute und unangenehme Gefühle voneinander zu unterscheiden, offen darüber mit Eltern und Lehren zu sprechen, im immer Notfall laut „Nein!“ zu sagen und sich Hilfe zu holen.

Dass gerade während der Pandemie die Hilferufe mehr geworden sind, das Gehörtwerden hingegen weniger, weiß auch Sigrid Pehle. „Die Situation in vielen Familien hat sich im vergangenen Jahr verschlechtert. Weil Familien lange Zeit auf oft kleinem Raum zusammen sein mussten, hat sich das Konfliktpotenzial erhöht. Das Opfer von Streitigkeiten bis hin zu Gewalt waren dann meistens die Wehrlosen: die Kinder.“ Zu Zeiten geschlossener Schulen oder Kindergärten sei parallel dazu die „soziale Kontrollinstanz“ durch Lehrer und Pädagogen weggefallen. Pehle: „Selbst wenn Kinder also Gewalt oder Missbrauch ausgesetzt waren, hatten sie keine Möglichkeit, sich an Außenstehende zu wenden.“

Für Irmi Wette hätte auch hier geholfen, was sie seit fast zwei Jahrzehnten mit ihrem Verein fordert: bereits im Studium verpflichtende Schulungen für Pädagogen und Lehrer im Umgang mit Kindern, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. „Niemand muss nebenbei zum Psychotherapeuten werden. Aber die Schnittstelle zwischen Lehrpersonal und Kindern ist zu wichtig, als dass sie im Notfall nicht genutzt wird.“ Gleichzeitig sei größere finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite nötig, damit Vereine und Initiativen, die zum Großteil ehrenamtlich arbeiteten, nicht mehr auf Spendengelder angewiesen seien.

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