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Lyrikkeller

Pistolero der Poesie

Münster

Oldschool in Bestform: Auf seiner Schreibmaschine haut Andreas Lating alias Andi Substanz in die Tasten und kreiert auf Zuruf Lyrik. Und das in ungewöhnlicher Umgebung.

Pjer Biederstädt

Andreas Lating alias Andi Substanz ist Teil des Tatwort-Teams und macht mit bei der Lesebühne Die2. Einmal im Monat lädt er in seinen Lyrikkeller ein. Dort gibt es Texte, aber auch Platten, Plausch und Pils. Foto: Pjer Biederstädt

Kaum ist das Stichwort gefallen, zieht er ein frisches Blatt Papier in seine Schreibmaschine und hämmert drauf los. Keine drei Minuten dauert es, dann holt Andreas Lating den 14-Zeiler zwischen Farbband und Schreibwalze der alten Olympia hervor. Der 35-Jährige schreibt quasi auf Zuruf eines Themas kurze Texte. Früher hat er das in der Fußgängerzone getan, jetzt hat seine Kunstform ein neues Zuhause.

„Komm rein, setz dich“, sagt Andreas Lating, der unter dem Künstlernamen Andi Substanz firmiert, während er die Treppe ins Untergeschoss läuft. Die Decken sind niedrig, die Wände unverputzt, aber mit viel Liebe hat er Bierkisten zu Sitzmöbeln, den schmalen Flur zu einem Plattenflohmarkt und einen etwa acht Quadratmeter großen Raum zur Kreativzentrale seines Lyrikkellers gemacht. „Ich habe einen Raum gesucht für Veranstaltungen, da fiel mir mein Keller ein.“ In dem Haus am Hansaring, wo der Poetry-Slammer und Autor wohnt, hat er nach Absprache mit den Hausbewohnern den Keller in einen Kulturort verwandelt.

Mixtapes zum Selberbauen

Drei Mal hat Lating bisher die Tore des Lyrikkellers aufgesperrt, die Resonanz sei ziemlich gut gewesen, sagt er. „Beim ersten Mal waren 15 Leute da, aber dann ist der Keller ja auch schon recht voll.“ Neben Texten, für die man so viel zahlt wie man will, gibt es auch einen Plattenteller, mit dem man Mixtapes wie früher basteln kann, einen Mini-Musik-Flohmarkt und eine Bar.

Reich werden will der Stadtlohner damit nicht. Er sieht es eher als Werbung für sein Geschäft. Zehn bis zwölf Auftritte hat er im Monat an der Schreibmaschine als Ad-hoc-Dichter oder als Poetry Slammer auf der Bühne. Von der Kunst kann er schon einen großen Teil seines Lebensunterhaltes bestreiten. Den Rest verdient er sich „mit zwei Schichten Lohnarbeit“ (Lating) als Pflegeassistent dazu.

Bald soll man ihn auch für Hochzeiten oder andere Events mieten können. Neulich war er mit seiner Schreibmaschine beim Reset-Festival im Naturkundemuseum. Besonders pfiffig ist diese Idee: Auf vorgedruckte Überweisungsträger können Lyrik-Liebhaber eine Summe und ein Thema schreiben, einen Teil des Geldes und einen Zweizeiler im Verwendungszweck gibt‘s zurück. Wohin die Reise geht? Vielleicht erklären die letzten drei Zeilen des auf der Olympia gehackten Textes: „Fern allen Vorabs. Einfach Beginn. Start eines Werdens.“

Zum Thema

Der Lyrikkeller öffnet am 30. November wieder seine Türen. Infos im Netz gibt es hier.

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