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Plagiate an der Uni Münster

Plagiatsjäger: Wird Schummelei sogar gefördert?

Münster

Prof. Gerhard Dannemann, Rechtswissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin, arbeitet bei der Internatplattform Vroniplag Wiki mit, die Plagiate in wissenschaftliche Texten enttarnt. Im Interview erklärt Dannemann, wie Vroniplag arbeitet. Unterdessen tauchte auf der Seite des Forums am Donnerstag die zwölfte Doktorarbeit aus der medizinischen Fakultät auf, die zu großen Teilen abgeschrieben sein soll.

wn

An der Medizinischen Fakultät der Universität Münster häufen sich Meldungen über den Verdacht von Schummelei bei Doktorarbeiten. Ermittelt haben dies Mitarbeiter auf der Internetplattform „Vroniplag Wiki“, die wissenschaftliche Arbeiten nach Plagiaten durchforsten. Einer von ihnen ist Rechtswissenschaftler Prof. Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität. Er sprach mit WN-Redakteurin Karin Völker über Pfusch in der Wissenschaft und erklärt, wie bei Vroniplag gearbeitet wird.

Die meisten Ihrer Mitstreiter bei Vroniplag Wiki recherchieren anonym. Warum haben Sie sich geoutet?

Dannemann: Ich habe gleich dem ersten Journalisten, der mich dazu interviewt hat, meinen richtigen Namen zur Veröffentlichung gegeben. Später haben wir die Erfahrung gemacht, dass Hochschulen mit anonymen Hinweisen mehr Schwierigkeiten haben. Darum haben die Kollegin Professorin Debora Weber-Wulff und ich es übernommen, für Hochschulen als namentlich bekannte Ansprechpartner von Vroniplag Wiki aufzutreten.

Sie und die anderen Ermittler recherchieren für Vroniplag Wiki ehrenamtlich. Warum tun Sie das?

Dannemann: Ich habe mich schon viele Jahre über Schludrigkeiten in wissenschaftlichen Veröffentlichungen geärgert. Jetzt helfe ich bei Vroniplag Wiki, allerdings meist, wenn es um Veröffentlichungen in meinem Fach Rechtswissenschaften geht.

In diesem Fach gab es an der Universität Münster unlängst auch mehrere Fälle. Zwei Doktoren wurden die Titel aberkannt.

Dannemann: Ja, das war eine besondere Geschichte, vor allem, weil gleich drei kritisierte Doktorarbeiten und eine methodische Anleitung in einem Institut bei demselben Professor verfasst wurden. Das hat die Wissenschaft durchaus beschädigt.

Auch bei den Medizinern, bei denen nun reihenweise Plagiate gefunden wurden, treten immer wieder dieselben Betreuer auf...

Dannemann: Das beobachten wir häufiger. In diesen Fällen stellt sich die Frage, ob die Betreuer die offenkundige Schummelei nur übersehen, oder ob sie sie bewusst dulden oder schlimmstenfalls sogar fördern.

Ein Doktorand hat nach der Analyse von Vroniplag Wiki seine Arbeit komplett von einem anderen Doktoranden bei demselben Betreuer abgeschrieben, der wiederum selbst zu fast 100 Prozent woanders abgekupfert hatte.

Dannemann: Das ist ein recht krasser Fall. Gerade bei Medizinern stoßen wir zudem häufig darauf, dass ein zunächst allein vom betreuenden Professor publizierter Aufsatz die Grundlage mehrerer Dissertationen bildet. Die zugrunde liegenden Messwerte, also die Rohdaten von Studien, werden dann ohne Bezug auf die erste Veröffentlichung für Dissertationen weiterverwertet. Solche Mogeleien werden von keiner Plagiats-Software erkannt. Das fällt erst auf, wenn wir uns verdächtige Arbeiten, in denen plagiierte Textstellen vorkommen, genauer ansehen.

Vroniplag Wiki arbeitet also nicht nur mit Software, die den Text der Arbeiten abgleicht?

Dannemann: Wo das geschieht, ist das ist nur ein erster Schritt. Und ein automatisierter Abgleich ist ja auch nur möglich, wenn die Arbeiten elektronisch publiziert sind. Die Mediziner an der Universität Münster haben vor rund zehn Jahren in großer Zahl, ich schätze etwa zwei Drittel der Doktoranden, ihre Arbeiten in elektronischer Form publiziert. Das ermöglicht einen großflächigen Abgleich. Heute müssen in Münster zwar alle Promovenden ihre Dissertation elektronisch gespeichert bei der Fakultät abgeben. Sie sind aber nicht verpflichtet, sie auch in elektronischer Form zu veröffentlichen. Wir stellen fest, dass dies mittlerweile nur noch wenige tun.

Nehmen sich Mitarbeiter bei Vroniplag Wiki momentan die medizinischen Dissertationen an der Uni Münster gezielt vor – oder wie kommt es zu dieser Häufung?

Dannemann: Nein, wir suchen nicht speziell in Münster nach Plagiaten. Aber wenn jemand, wie hier, auf mehrere Fälle an derselben Fakultät stößt, liegt es nahe, weiter zu suchen.

Werden Doktorarbeiten, bei denen ein größerer Teil an Plagiaten auftaucht, automatisch ins Netz gestellt?

Dannemann: Natürlich nicht. Ein Abgleich per Software liefert nur erste Anhaltspunkte. Bei einem Verdacht wird jede einzelne problematische Textstelle separat aufgenommen und von mindestens zwei Mitarbeitern mit dem Original verglichen. Eine Dokumentation wird erst veröffentlicht, wenn die Summe der so belegten plagiierten Stellen eine kritische Grenze klar überschreitet.

Mediziner promovieren im Unterschied zu Absolventen anderer Fächer sehr häufig. Eine Doktorarbeit in der Medizin kostet häufig auch nicht annähernd so viel Zeit wie Promotionen in anderen Fächern. Kann es sein, dass die Promotion angesichts dessen hier nicht mehr so ernst genommen wird?

Dannemann: Es wäre schlecht, wenn die Maßstäbe verrutschten. Man muss sich natürlich fragen, ob es notwendig ist, dass sich ein niedergelassener Arzt durch eine akribische wissenschaftliche Arbeit qualifizieren muss, die mit seiner Berufspraxis nur wenig zu tun hat. Problematischer wird es aber, wenn Doktoranden pfuschen, die später wirklich in die Wissenschaft gehen, und das ist leider keine Seltenheit. Wir haben bei Vroniplag Wiki schon viel mehr Wissenschaftler als Plagiatoren enttarnt als Politiker.

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