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Adam-Riese-Show

Reisende auf eierndem Globus

Münster

Eine Zigarette im Atlas, ein Fußballfan, der sich für andere Besucher schämt und eine Medizinerin, die eigentlich „Europa-Sekretärin“ werden wollte – die Adam-Riese-Show brachte wie so häufig Ungewöhnliches zutage.

Gruppenbild mit Dame (v. l.): Meinhard Zanger, Adam Riese, Dr. Joke Tio und Jochen Malmsheimer erzählten zu launigen Spielchen Geschichten aus ihren Leben. Foto: Tom Heyken

Menschen, die Städte von der Landkarte tilgen, gehören üblicherweise nicht in Talk-Shows, sondern vor ein Kriegsverbrechertribunal. Bei Jochen Malmsheimer darf und muss eine Ausnahme gemacht werden: Er beschränkte seinen Gewaltakt auf eine Karte im Schulatlas, wo er, wütend über einen verpfuschten Auftritt in der Domstadt, Münster „mit einer brennenden Zigarette“ symbolisch den Garaus machte.

Die Adam-Riese-Show im „Engelsaal“ des Atlantic-Hotels wartete mit so manchem Schocker auf. Schon zu Beginn erschreckte der Talkmaster selbst das Publikum, als er seine Brille abnahm und sie ins Konturlose verbog. Gewonnene Sehkraft durch Augenoperation, aber verlorenes Markenzeichen? Showassistentin Jens Heinrich Claassen reichte ein Nasenfahrrad mit Fensterglas, und die Welt war zumindest optisch wieder im Lot.

Flummis Berufswunsch

So manchen Perspektivwechsel hatten indes Rieses Gäste vollzogen, die ihre persönliche Fahrt auf einem eiernden Globus mit zahlreichen Anekdoten illustrierten. Dr. Joke Tio, die das Brustzentrum des Universitätsklinikums Münster (UKM) leitet, bekannte lachend: „Ich wollte nie Ärztin werden.“ Ihr schon als kleines Kind auf der indonesischen Insel Java gefasster Berufswunsch: Europa-Sekretärin. Ihr Vater, selbst Arzt, siedelte die Familie nach Duisburg-Rheinhausen um, dann in die Niederlande. Am Ende einer etappenreichen Reise durch Westeuropa landete sie 2003 in Münster, spricht heute sieben Sprachen, betreut ehrenamtlich ein Gesundheitsprojekt in Indonesien und schwang auf einem eingeblendeten Foto einen meterlangen Kuchenspatel wie ein Machete: „So benehme ich mich im OP“, ulkte die sympathische Frauenheilkundlerin, die von ihrer Familie wegen ihrer Quirligkeit auch „Flummi“ genannt wird.

Vor dem Schauspiel kam die Traber-Rundschau

Nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sondern an der Rennbahn begann Meinhard Zanger, seit 2006 Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters, sein Berufsleben. Als Redakteur für die „Traber-Rundschau“ berichtete er über Pferderennen und saß mitunter auch selbst im Sulky, bevor ihn Lutz Görner zum Schauspielern ermutigte. Eben noch als entnervter Schuhverkäufer in Christoph Bölls satirischem Film „Der Sprinter“ von 1984 auf der Leinwand hinter der Talk-Show-Couch eingespielt, sang Zanger, begleitet von Markus Paßlick und seinen Original Pumpernickel, das von Hans Eisler musikalisch eingekleidete Tucholsky-Gedicht „Feldfrüchte“. Darin wird die SPD als „bescheidenes Radieschen, außen rot und innen weiß“ abgewatscht. Aber das habe, flötete Zanger ironisch, natürlich „nichts mit unserer heutigen Situation zu tun“.

Malena und Jens Heinrich Claassen hatten ebenfalls Songs im Gepäck, letzterer mit einer wahnwitzigen Hymne auf die Zahl „Pi“. Dem Irrsinn begegnete der wortgewaltige Jochen Malmsheimer auch an diesem Abend nicht nur mit temperamentvoll vorpreschender Eloquenz, sondern auch mit Selbstironie, als er von den frühen Tagen seiner Bühnenkarriere erzählte. Als ihm Unbekannte in der Fankurve des VfL Bochum einst homophobe Gesänge anstimmten, war diese zart angebahnte Liaison verloren. Ein Mann, ein Wort. Viel zu lachen. Und ein Atlas mit Brandloch.

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