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Vincke-Tagebücher

„Röntgenbild der Provinz Westfalen“

Münster

Historiker sind begeistert von den Tagebüchern des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig Freiherr Vincke. Sie geben ganz persönliche Einblicke in das Leben Anfang des 19. Jahrhunderts. Jetzt wurde eine elfbändige Edition abgeschlossen.

Von Karin Höller

Sie stellten die letzten beiden Bände zum Abschluss der Edition der Vincke-Tagebücher vor (v.l.): Dr. Horst Conrad (Landesarchivdirektor a.D.), Dr. Mechthild Black-Veldtrup (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens), Silke Haunfelder (Verlag Aschendorff), Dr. Christine Schedensack (Verein für Geschichte und Altertumskunde) und Dr. Dirk F. Paßmann (Verlag Aschendorff). Foto: Oliver Werner

Wer ganz anschaulich etwas über die wirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen Verhältnisse in Westfalen zum Ende des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfahren möchte, kommt nicht um die Tagebücher des Ludwig Freiherrn Vincke herum. „Sie sind geradezu ein Röntgenbild der Provinz Westfalen in der Zeit zwischen 1790 und 1840“, brachte es Dr. Horst Conrad, Landesarchivdirektor a.D., am Donnerstag bei der Vorstellung der letzten beiden Bände der insgesamt elf-bändigen, im Verlag Aschendorff erschienen Edition „Die Tagebücher des Ludwig Freiherrn Vincke“ auf den Punkt. Vincke habe damit eine Blaupause für das moderne Westfalen geschaffen, betone Buchverlagsleiter Dr. Dirk F. Paßmann.

Der Oberpräsident Westfalens Ludwig Freiherr Vincke (1789 - 1844), der jahrelang mit seiner Familie und den zwölf Kindern im münsterischen Schloss residierte, hat eine große Anzahl von Tagebüchern hinterlassen, die nicht nur Einblicke in sein persönliches Leben gewähren, sondern für die Interpretation der Geschichte Westfalens von großer Bedeutung sind. Der preußische Verwaltungsbeamte und Reformer setzte beispielsweise die kommunale Selbstverwaltung der Städte durch, also die Wählbarkeit der Stadtverordneten und der Bürgermeister, erinnerte Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, der gemeinsam mit der Historischen Kommission für Westfalen und dem Landesarchiv NRW seit 2005 die gesamte Reihe der Tagebücher editiert.

Spiegel des Alltagslebens

Der pragmatische Oberpräsident Vincke, der bei seinen vielen Reisen den direkten Kontakt zu den einfachen Menschen gesucht habe, stellte etliche Weichen für ein modernes Westfalen. Er habe sich für den Straßen- und Eisenbahnausbau ebenso eingesetzt wie für die Gründung von Landarmenhäusern. Und nicht zuletzt habe von Vincke von Münster aus ein einheitliches, gerechteres Steuersystem für Westfalen entwickelt, erklärte Conrad, der zweieinhalb der elf Bände editierte.

Kulturgeschichtlich sehen Historiker in den Tagebüchern einen wahren Schatz. Sie spiegeln auch das Alltagsleben wider: wie gekocht, gegessen, gereist wurde und wie Konflikte zwischen Mann und Frau gelöst wurden. Denn in einigen Tagebüchern räumte Vincke seiner ersten Ehefrau Platz für Einträge ein, die, so Black-Veldtrup, „Züge eines Dialogs haben“.

Die gesamte Reihe „Die Tagebücher des Ludwig Freiherrn Vincke“, Verlag Aschendorff, gibt es jetzt auch digital mit Volltextsuche. Die letzten Folgen sind die Bände 4 (ISBN 978-3-402-15743-5) und 6 (ISBN 978-3-402-15745-9).

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