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Debatte über die Wiedertäuferkäfige entbrannt

Schock-Käfige oder Mahnmal?

Münster

Ein halbes Jahrtausend nach dem gewaltsamen Tod der Wiedertäufer-Anführer ist eine Debatte über die Käfige entbrannt, in denen am Turm von Lamberti ihre Leichen zur Schau gestellt wurden. Sollen sie als Symbol für brutale Justiz entfernt werden – oder als Mahnmal gegen Gewalt hängen bleiben?

Martin Kalitschke

Eine Debatte ist um die Wiedertäuferkäfige an der Lamberti-Kirche entbrannt: Sollte man sie als Symbole einer brutalen Justiz entfernen – oder als Mahnung hängen lassen? Foto: Ahlke

Fast ein halbes Jahrtausend ist es her, dass die Wiedertäufer Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechting mit glühenden Zangen zu Tode gefoltert wurden. Ihre Leichen landeten in jenen drei Käfigen, die noch heute am Turm von St. Lamberti hängen – und die Attraktion jeder Stadtführung sind.

Eine zweifelhafte Attraktion, kritisierten in den vergangen Wochen einige Leser unserer Zeitung und lösten damit eine Debatte aus: Darf man die Käfige nach wie vor an so exponierter Stelle präsentieren – oder sollte man solche „Symbole brutaler Strafjustiz“ nicht besser abhängen?

„Die Käfige sind ein Teil der Geschichte unserer Stadt, da kann man nicht einfach Veränderungen vornehmen“, sagt Dr. Ludger Winner, Pfarrer in St. Lamberti. Für ihn stellen sie eine Mahnung dar, niemals die Humanität zu vergessen. Und nach Meinung von Christoph Spieker, Leiter der Villa ten Hompel, gelingt es den Käfigen „auf faszinierende, einfache Weise, Geschichte darzustellen“.

Die Anführer der Wiedertäuferbewegung waren am 22. Januar 1536 hingerichtet worden. Damals war es durchaus üblich, Leichen öffentlich in Käfigen auszustellen, betont das Stadtmuseum. Dass die Käfige noch heute an einem Kirchturm hängen, sei indes „einmalig“. Im Laufe der Zeit wurden sie zu einem Wahrzeichen Münsters, das seit dem 17. Jahrhundert in keiner Reisebeschreibung fehlte. Nebenbei: An St. Lamberti hängen die Original-Käfige.

„Für mich sind sie ein Stück Erinnerungsarbeit“, sagt Spieker. „Sie erinnern, was war – und was sich nie wiederholen soll.“ Joachim Schiek, Sprecher der Stadt, verweist darauf, dass die Käfige ein Stück Stadtgeschichte darstellen – „und die besteht nicht nur aus Nettigkeiten“.

Das Münster-Marketing betont, dass es „höchstens einmal im Jahr“ eine kritische Reaktion von Touristen erhalte. „Für die Masse der Besucher haben die Käfige einen großen Wert, da es sich um Original-Geschichte handelt.“

Angebracht wurden sie übrigens einst nicht von Münsteranern – „sie weigerten sich“, so Bernhard Thier vom Stadtmuseum. Bauern aus der Umgebung führten den Befehl des Fürstbischofs aus.

Damals sollten die Käfige „zur ewigen Abschreckung“ dienen. Doch spätestens mit der 1987 installierten Skulptur „Irrlichter“ – drei Lampen – seien sie zu einem Mahnmal geworden. Und das, sagt der Historiker, dürfe nicht einfach aus dem Stadtbild verschwinden.

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