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WN-Spendenaktion: Förderverein Zentrales Nervensystem

Sport hilft auch gegen die Angst

Münster

Die Diagnose Hirntumor kam für Dirk Eierhoff wie aus dem Nichts. Mittlerweile kämpft er um jeden Tag, den er weiterleben darf. Was ihm dabei hilft? Neben der Familie vor allem ein in Deutschland ziemlich einzigartiges Sportprogramm.

Von Martina Döbbe

Sport stärkt das Selbstwertgefühl: Dirk Eierhoff (r.) und sein Trainer Ralf Brandt. Foto: pd

„Die Zeit, die uns noch bleibt . . .“: Der Satz fällt immer wieder, ganz ruhig, manchmal sehr leise. Und doch: Um diese sechs Worte dreht sich das ganze Leben einer Familie. Seit März diesen Jahres. Dirk Eierhoff bekommt die Diagnose Hirntumor. Bösartig ist er, „raumgreifend“, sagen die Ärzte. Und sind sehr ehrlich: Zwei bis zwölf Monate, länger, so glauben sie, wird er nicht mehr leben.

„Da bin ich brutal an meine Grenze gekommen“, blickt er zurück. „So ein Ding im Kopf, das mich bald umbringen wird“, habe er nicht wahrhaben wollen. „Es hat lange gedauert, bis ich es wirklich geglaubt habe“, sagt der 44-Jährige. Ganz anders seine Frau. Als er ihr erzählt, er habe im Geschäft an der Kasse gestanden, für Minuten nicht mehr gewusst, wer er ist, wo er ist, und für wen er überhaupt da eingekauft habe, drängt Sonja Eßmann ihn zu einem Arzttermin.

Epileptischer Anfall legt das Problem offen

Es war ein erster epileptischer Anfall, das weiß er heute, ein Teil seines Gehirns war durch den Tumor betroffen, hat gekrampft. Dass er „von jetzt auf gleich“ ins Krankenhaus muss, stundenlang operiert wird und in den Wochen danach fast nur schläft – heute erscheint es ihm, als sei er „in eine andere Welt“ abgetaucht.

So hat es auch seine Familie erlebt. Jonas (10) und Emma (6) wissen, dass ihr Papa sehr krank ist, vieles nicht mehr kann. Und seine Frau? „Sie ist ein Fels in der Brandung“, sagt ihr Mann. „Es trifft sie auf ähnliche und doch andere Weise, sie wird überleben. Muss weiter machen. Aber diese Zeit, die uns noch bleibt, die versuchen wir, gemeinsam zu planen.“ Immer mit „einer Riesenangst im Nacken, was kommt auf uns zu?“

Unterstützung und Hilfe, auf die die Familie verlässlich bauen kann, gibt der Förderverein ZNS (Zentrales Nervensystem). Das individuelle Sportprogramm, das der 44-Jährige unter Anleitung von Ralf Brandt begonnen hat, findet zwei Mal wöchentlich statt.

Studie zur Sportförderung

Dirk Eierhoff hat sich zudem als Teilnehmer für die Studie zur Verfügung gestellt, die der Förderverein erarbeitet, um zu belegen, wie sehr Sport Patienten mit Hirntumor hilft, im Rahmen ihrer Möglichkeiten körperlich wieder stabiler und kräftiger zu werden.

Auch für dieses Angebot, das es sonst nirgendwo in Deutschland gibt, erzählt Ralf Brandt, ist der Förderverein auf Spenden angewiesen. Die Betreuung erfolgt eins zu eins – eine Stunde ist der Sportwissenschaftler und Diplomtrainer dann nur für den jeweiligen Teilnehmer da. Ergometer und Krafttraining stehen auf dem Programm, über eine Fitnessuhr wird zudem nachgehalten und später ausgewertet, wie viel Bewegung der Patient in seinen Alltag einbaut.

Sportler – kein Patient

Apropos Patient: „Bei uns in der Halle läuft das anders. Dirk ist da kein Patient, sondern Sportler wie andere auch, die um uns herum trainieren.“ Das gilt für alle Teilnehmer: Das Gefühl, dazuzugehören, nicht mitleidig angesehen zu werden – eine wichtige Erfahrung, die das Selbstwertgefühl stärkt. Dirk Eierhoff freut sich über jedes Lob vom Trainer, merkt selbst, dass diese körperliche Herausforderung ihn anspornt, nicht aufzugeben.

Er und seine Frau versuchen, Zeit für sich zu schaffen, haben einige Tage auf Sylt allein verbracht ohne die Kinder: „Ein bisschen Normalität.“ Mit emotionalem Hintergrund: Auf der Insel hat der 44-Jährige seiner Frau damals den Heiratsantrag gemacht. Sehr emotional wird es dann doch beim Thema Weihnachten. „Wir versuchen, nicht daran zu denken, ob es für uns zusammen das letzte Mal ist.“

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