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Interview mit Leiter des Impfzentrums

Stadt macht Faktencheck zum Astrazeneca-Impfstoff

Münster

Der Impfstoff von Astrazeneca ist in die öffentliche Kritik geraten. Der Leiter des Impfzentrums Münster, Dr. Peter Münster, erläutert im Interview, welche Impfreaktionen durchaus willkommen sind und wie viele Münsteraner schon geimpft wurden.

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Eine Ampulle des Astrazeneca-Impfstoffs steht auf einem Tisch. Foto: dpa (Symbolbild)

Der Impfstoff von Astrazeneca, der eine schwere Covid-Erkrankung verhindern kann, steht derzeit in der Kritik. Dr. Peter Münster (KVWL), ärztlicher Leiter des Impfzentrums Münster, erläutert in einem Interview mit dem Presseamt der Stadt die aktuelle Situation und nennt Fakten.

Was ist der Unterschied zwischen einer Impfreaktion und einer Nebenwirkung?

Dr. Peter Münster: Impfreaktionen gehören zum Standardrepertoire einer Impfung – beispielsweise, dass es Schmerzen an der Injektionsstelle gibt, dass leichtes Fieber auftritt bis 38,5 Grad, vielleicht auch Kopfschmerzen oder Schüttelfrost, Abgeschlagenheit. Das ist eine normale Impfreaktion und die ist durchaus willkommen. Denn sie zeigt an, dass unser Immunsystem funktioniert und gerade einen Immunschutz aufbaut, sich gegen den Erreger zur Wehr setzt – also gewünscht. Unerwünschte Impfreaktionen wollen wir natürlich nicht haben. Wenn das Fieber also länger als ein bis zwei Tage anhält oder andere Symptome hinzukommen, dann sollte der Hausarzt kontaktiert werden. Bei den Vektorimpfstoffen wie Astrazeneca zum Beispiel verwenden wir inaktivierte oder abgeschwächte Erreger – und diese können ihrerseits eine Immunantwort hervorrufen. Im Fall von Astrazeneca ist es ein Schnupfenvirus, das wir spritzen. Also ist es auch nicht ungewöhnlich, dass man ähnliche Symptome hat wie bei einer leichten Erkältung.

Haben Sie vor diesem Hintergrund eine Empfehlung für die berufsbegründeten Gruppen in der Priorisierung, die ja mit Astrazeneca geimpft werden sollen?

Dr. Peter Münster: Aktuell rufen wir diejenigen Impflinge auf, die aufgrund ihres Berufes Anspruch haben – also unter anderem die Unter-65-Jährigen aus den ambulanten Pflegediensten. Denen empfehle ich ganz besonders diese Impfung auch mit Astrazeneca, gerade mit diesem Impfstoff. Weshalb? Dieser Impfstoff hat eine gute Wirksamkeit, viel besser übrigens als die meisten Grippeimpfstoffe der letzten Jahre. Man spricht von etwa 70 Prozent. Wenn man die Zweitimpfung mit Astrazeneca noch etwas länger hinauszieht, kann man sogar bis zu 80 Prozent Impfwirksamkeit erreichen. Es ist also ein hochwirksamer Impfstoff, er ist gut verträglich – sieht man von diesen normalen Impfreaktionen ab – und darüber hinaus bietet er ausreichenden und guten Schutz gegen die aktuell kursierenden Viren. Das sind natürlich der normale SARS-CoV-2-Virus, der Wildtyp, wie auch beispielsweise die britische Mutation B.1.1.7. Etwas unklar ist noch, wie es sich mit der südafrikanischen Mutante verhält, aber das ist unter laufender Prüfung. Es weist zurzeit vieles darauf hin, dass auch da zumindest die schweren Verläufe verhindert werden. Deswegen empfehlen wir auf jeden Fall, diesen Impfstoff zu nutzen.

Wie unterscheiden sich die Impfstoffe von BioNTech, Moderna und AstraZeneca?

Dr. Peter Münster: Der erstzugelassene Impfstoff in unserem Land war der von Biontech/Pfizer – das ist ein mRNA-Impfstoff, eine relativ neue Impfstoff-Entwicklung, der so ähnlich funktioniert wie der von Moderna. Auch das ist ein mRNA-Impfstoff. Der Biontech-Impfstoff ist leider von der reinen Menge nicht für alle Impflinge verfügbar, so dass man entschieden hat, zuerst die Schwächsten und die unter einer SARS-CoV-2-Infektion am meisten leiden würden, zu impfen: die Bewohnerinnen und Bewohner von stationären Alten- und Pflegeheimen, die Über-80-Jährigen. Moderna wäre dafür auch in Frage gekommen, jedoch war dieser mengenmäßig noch schwieriger zu liefern. So hat man entschieden, diesen Impfstoff zunächst in die Universitätskliniken zu geben, um mit einem Kontingent eine Gruppe auch geschlossen impfen zu können. Astrazeneca ist schließlich als dritter Impfstoff hinzugekommen – ein Vektorimpfstoff, also eher aufgebaut wie beispielsweise ein klassischer Grippeimpfstoff. Dieser wird aufgrund der Datenlage von unserer Ständigen Impfkommission in Deutschland nur für Unter-65-Jährige empfohlen. Es ist davon auszugehen, dass – wenn weitere Daten über die Impfung älterer Personen vorliegen – auch diese Empfehlung erweitert wird.

In den stationären Pflegeheimen Münsters wurde seit Ende Dezember geimpft, das Impfzentrum ist seit dem 8. Februar in Betrieb. Wie ist der aktuelle Stand?

Dr. Peter Münster: Wir haben in Münster insgesamt bereits über 15.000 Impfungen durchgeführt. Das ist gar nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Münster gar nicht so viel Impfstoff zugeteilt bekommt. Gerade vom Impfstoff BioNTech – die Zuteilung bemisst sich hier am Anteil der Über-80-Jährigen in der Bevölkerung, und Münster ist eine relativ junge Stadt mit vielen Studierenden – haben wir relativ wenig und bescheiden zugewiesen bekommen. Wir haben aber tatsächlich jede Impfstoffdosis ausgenutzt und waren sehr schnell in den Heimen mit weit über 90 Prozent Erstimpfungsquote und nun fast abgeschlossener Zweitimpfung. Das heißt, dass wir da das Optimum für Münster herausgeholt haben. Damit sind wir mit Blick auf die Bevölkerungszahlen in Münster bei ungefähr fünf Prozent Gesamtimpfung. Das klingt nach nicht viel – aber insbesondere die Schwachen und Schwächsten haben wir zuerst geimpft. Und ich glaube, das kann sich sehen lassen.

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