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Ukrainische Kriegsflüchtlinge

Stadt will niemanden wegschicken

Münster

In Münster kommen immer mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine an. Die Stadt versucht, sich vorzubereiten – aber das ist fast unmöglich.

Von Karin Völker

Ukrainische Kriegsflüchtlinge kommen in der Oxford-Kaserne in Gievenbeck an Foto: Stadt Münster

798: So viele Flüchtlinge aus der Ukraine haben sich bis Dienstagmorgen, 9 Uhr, in Münster bei der Stadtverwaltung gemeldet. „Wir sind überrascht von der großen Zahl“, sagt Oberbürgermeister Markus Lewe am Vormittag in einer Pressekonferenz. Thema: Die Krise, die, so Lewe, auch für die Stadt alle bisherigen Herausforderungen in den Schatten stelle. „Wir sind im Nebel unterwegs, wissen nicht, was morgen auf uns zukommt“, so formuliert es Dezernent Wolfgang Heuer, jetzt, wie er anmerkt, „Corona-Krisenstabsleiter im Nebenjob“.

Gerade hat die Stadt Münster die Hiltruper Sporthalle für Flüchtlinge hergerichtet. Es wird womöglich nicht die letzte Sporthalle sein, die für diesen Zweck umfunktioniert werden muss. Wenn die Kapazität nicht reiche, wolle die Stadt als nächstes auf die Halle im Schulzentrum Roxel zurückgreifen, so Heuer. Und: Das Land NRW prüfe die Nutzung sämtlicher Kongresszentren im Land – also auch der Halle Münsterland.

600 Menschen können in der Blücherkaserne untergebracht werden

Denn bis die Blücher-Kaserne an der Einsteinstraße, wo 600 Menschen unterkommen sollen, und die 40 ehemaligen Briten-Häuser im Eigentum des Bundes hergerichtet und möbliert sind, werde es vier bis fünf Wochen dauern, so Heuer. Und: „Wir wollen niemanden wegschicken“, sagt Sozialamtsleiterin Dagmar Arnkens-Homann.

Koordination der Hilfe in Münster

Die große Schwierigkeit, vor der Kommunen jetzt – anders als im Jahr 2015 – stehen: „Es gibt bisher keine Koordinierung, keinerlei Verteilung der Menschen auf die Kommunen.“ Was auch bedeute, dass die Städte die Menschen nun registrierten. erkennungsdienstlich erfassen, gesundheitlich untersuchen müssten, zählt die städtische Sozialdezernentin Cornelia Wilkens Aufgaben auf, die bisher das Land bei Geflüchteten übernommen habe. Wer sich als Kriegsflüchtling aus der Ukraine in Münster meldet, erhalte jetzt eine Krankenversicherungskarte und Zugang zum Gesundheitssystem, außerdem finanzielle Hilfen. 122 Menschen hat die Stadt bislang in private Unterkünfte vermittelt, 139 Menschen waren bis Dienstag ausschließlich durch private Kontakte nach Münster gekommen. Die private Unterbringung der oft traumatisierten Menschen sei nicht unkompliziert, sagt Sozialamtsleiterin Arnkens- Homann.

Kommentar von Karin Völker zur Versorgung der Flüchtlinge

Stadt prüft private Angebote auf Seriosität

Unterbringungsangebote prüfe die Stadt auf Seriosität, unter den bisher untergebrachten Flüchtlingen seien 324 Kinder. „Wir haben da die eine oder andere nicht ganz so tolle Erfahrung gemacht“, bemerkt Wilkens.

Die Ukrainer, die jetzt in die Turnhalle nach Hiltrup umziehen, sollen schnellstmöglich in andere, dezentrale Unterkünfte umziehen. Wie lange die Ukrainer in Münster bleiben, auch das sei unklar. Wilkens: „Niemand will hier einen Asylantrag stellen“, alle wollten eigentlich nur eins – möglichst schnell zurück in die Heimat.

Dagmar Arnkens-Homann, Leiterin des städtischen Sozialamtes. Foto: Günter Benning

Schulbesuch für Kinder und Jugendliche ist nicht Pflicht, aber möglich

Unter den ukrainischen Kriegsflüchtlingen sind viele Kinder – sie machen bisher 40 Prozent der Gesamtzahl aus, hieß es am Dienstag bei einer städtischen Pressekonferenz. Die Kinder seien – eingereist mit Touristenvisum – vorläufig nicht schulpflichtig, sagt Sozialdezernentin Cornelia Wilkens. Und viele der Angekommenen dächten momentan auch nicht über den Schulbesuch ihrer Kinder nach, seien in Gedanken noch ganz in ihrem Heimatland, oft bei den Männern und Vätern, die dort kämpften. Dennoch: Wenn Eltern ihr Kind zur Schule in Münster schicken wollten, sei das natürlich möglich, so Wilkens.

Die ukrainischen Kinder können in den Grundschulen über das „Seiteneinsteiger-Programm“ sofort aufgenommen werden, so Oberbürgermeister Markus Lewe. Die Strukturen seien aus der Zeit der großen Flüchtlingszuwanderung seit 2015 etabliert. Jugendliche, die vom Alter her eine weiterführende Schule besuchen könnten, sollen die städtische Bildungsberatung konsultieren. Unabhängig davon, dass der Unterricht in münsterischen Schulen für die ukrainischen Kinder wegen der Sprachhürde zweifellos noch schwierig sei, könne der Schulbesuch die Kinder psychisch entlasten, ihrem Alltag Struktur geben, sie auf neue Gedanken abseits von Krieg und Flucht bringen.

Auch Betreuungsangebote für Kinder im Kitaalter will die Stadt an den Flüchtlingsunterkünften schaffen, so Lewe. Wenn ehrenamtliche Initiativen und Privatleute die Geflüchteten und zu Freizeitaktivitäten einladen, stoßen sie bisher noch auf geringe Resonanz, wie Sozialamtsleiterin Dagmar Arnkens-Homann berichtet. „Die Erwachsenen erzählen, häufig, dass sie von schlechtem Gewissen geplagt sind, nun in Sicherheit zu sein, während nahe Angehörige und Freunde in der Ukraine weiter um ihr Leben bangen.

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