Andrea Pechmann entwickelt Fötensärge

Sternenkinder in Liebe gebettet

Münster-Amelsbüren

Vor fünf Jahren wurde der Sohn von Andrea Pechmann tot geboren. Sie wollte ihr Kind beerdigen, um den Schicksalsschlag zu verabreiten. Heute hilft sie anderen Eltern von Sternenkindern dabei.

Markus Lütkemeyer

Andrea Pechmann (l.) hat die „Nestchen“ für Sternenkinder entwickelt. Ein Tischler aus Bayern fertigt den Korpus, sie selbst näht das Interieur. Die Amelsbürener Bestatterin Angela Thieme unterstützt sie bei ihrem Projekt. Foto: mlü

Wenn ein Kind vor oder unmittelbar nach der Geburt stirbt, dann nimmt es eine ganze Menge Zukunft mit sich. Erste Kinderschritte werden nie gegangen. Geburtstage nie gefeiert. Das frisch gestrichene Kinderzimmer bleibt leer. Wer kann diesen Schmerz ermessen?

Die Bestattung eines Sternenkindes würdigt nicht nur sein kurzes Leben, sondern kann Eltern helfen, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Doch einen passenden Sarg zu finden, fällt den betroffenen Eltern oft nicht leicht. So erging es auch Andrea Pechmann, die vor fünf Jahren ihren totgeborenen Sohn bestatten wollte.

"Nestchen" als Teil der Trauerarbeit"

„Ich habe dann eine Art kleine Schatzkiste gestaltet“, erzählt die gebürtige Warendorferin. „Der Anstoß kam von einer Organisation, die Sterneneltern betreut und unsere Familie in der schweren Zeit unterstützt hat.“ Doch daraus entwickelte sich später mehr.

Auch als Teil ihrer Trauerarbeit entwickelte sie ihre „Nestchen“ – so nennt sie die kleinen Särge für Föten. Mittlerweile vertreibt sie ihre Kindersärge selbst. Lange hat sie nach einem passenden Bestattungsunternehmen gesucht, dass mit ihr kooperieren möchte. Mit der Amelsbürenerin Angela Thieme hat sie jetzt jemanden gefunden, der sie unterstützt und ähnliche Erfahrungen wie sie selbst machen musste. „Meine Tochter wäre jetzt über 20 Jahre alt. Mir hat man damals gesagt: Jetzt hören sie einmal auf zu weinen, sie können ja ein weiteres Kind bekommen.“

Fehlgeburten als Tabu-Thema

Mittlerweile seien die Krankenhäuser besser aufgestellt und die Begleitung sei sensibler. Thieme weiß das, weil sie engen Kontakt auch zu Trauerhebammen hält. „Egal welches Krankenhaus: Die Begleitung für die betroffenen Eltern ist heute sehr gut.“ Fehlgeburten seien aber nach wie vor ein Tabu in der heutigen Gesellschaft. Betroffen seien mehr Familien als man zunächst glaubt.

Der Vorteil an den „Nestchen“ sei, dass sie sich schnell ganz individuell anpassen lassen. Beispielsweise können die Geschwisterkinder den Holzkorpus farbig bemalen. Auch das Interieur kann gestaltet werden, hebt Andrea Pechmann hervor: „Meine Großmutter hat mir mitgegeben, dass ich nicht ganz ungeschickt an der Nähmaschine bin.“

Andrea Pechmann

Den Sarg nach eigenen Wünschen zu gestalten – das ist übrigens etwas, was viele Trauerforscher betroffenen Eltern empfehlen: So wird das kurze Leben in Liebe gebettet.

Irgendwann reifte bei Andrea Pechmann ein tröstlicher Gedanke: „Wir durften das Kind immerhin für einen Moment lang spüren.“

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