Pädagogen warnen: „Die Luft ist raus“

Der Corona-Alltag in der Jugendwohngruppe am Blaukreuzwäldchen

Münster-Angelmodde

In der Jugendwohngruppe am Blaukreuzwäldchen leben Kinder und Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen vorerst nicht mehr in ihren Familien bleiben können. Die Corona-Krise trifft solche Einrichtungen besonders hart.

Markus Lütkemeyer

Für die Kinder und Jugendlichen, die nicht bei ihren Familien leben können, ist die Pandemie eine besondere Herausforderung. Uwe Wellmann (l.) und Wladimir Kaiser von der Diakonie Münster berichten über die Situation in der Foto: mlü

Ein ganz aktuelles Beispiel: Vor wenigen Tagen hat sich erstmals seit Beginn der Pandemie ein Mitglied der Angelmodder Wohngruppe mit Corona angesteckt. Der Jugendliche muss in Quarantäne – und das bedeutet: Er verbringt seine nächsten Tage vorerst mehr weniger ausschließlich in seinem Zimmer.

„Die gute Nachricht ist, dass sich niemand angesteckt hat und es dem Erkrankten den Umständen entsprechend gut geht. Doch in diesem Alter will man natürlich raus – und dann werden die Tage in der Quarantäne sehr lang“, sagt Uwe Wellmann, Bereichsleiter bei den Kinder-, Jugend und Familiendiensten der Diakonie Münster.

Mancher Jugendlicher war schon viermal in Quarantäne

Auch bei Verdachtsfällen muss schnell gehandelt werden – wenn zum Beispiel Kontakt mit einem Infizierten in der Schule oder als Azubi im Betrieb bestand. Es kommt auch vor, dass jemand für ein paar Tage von der Bildfläche verschwindet und dann unvermittelt wieder auftaucht. „Die Jugendlichen sind ja nicht umsonst bei uns“, pflegt Teamkoordinator Wladimir Kaiser zu sagen. Auch dann wird eine Quarantäne fällig.

Manche Jugendliche waren im Verlauf der vergangenen Monate schon drei oder viermal in Quarantäne. „Was unsere Jugendlichen in dieser Krise leisten: dafür habe ich Respekt.“

Ein Hygienekonzept soll sowohl die Kinder- und Jugendlichen als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung vor Ansteckung schützen. In der Wohngruppe herrscht in den Gemeinschaftsräumen und auf den Fluren Maskenpflicht. „Wir sind erstaunt, wie toll die Jugendlichen mitziehen“, lobt Wellmann die Jugendlichen. Nach einem Jahr Pandemie sagt er aber auch: „Die Luft ist raus.“

Die früher übliche wohnliche Atmosphäre ist jedenfalls ein Stück weit dahin. Teamkoordinator Wladimir Kaiser verzieht das Gesicht, wenn er an das zurückliegende Weihnachtsfest denkt. Das sei sonst immer sehr familiär gewesen, auch weil ehemalige Bewohner der Einrichtung dazu kommen und mitfeiern durften. Das ging diesmal natürlich nicht.

Verlässliche Strukturen

In der Psychologie gibt es den Begriff der Selbstwirksamkeit: Kinder, die schon früh ermutigt werden, Probleme und Herausforderungen alleine zu meistern, können später im Leben besser mit Angst und Stress umgehen. „Für die Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen tut mir die aktuelle Situation schrecklich leid“, sagt Wellmann. „Sie haben aufgrund ihrer belasteten Biografie kaum Selbstwirksamkeit erlebt.“

In der Wohngruppe wird mit verlässlichen Strukturen und Beziehungsarbeit gegengesteuert. Trotzdem: „Kinder, die wohlbehütet aufgewachsen sind, kommen oft besser mit der Pandemie klar, weil sie emotional von ihren Eltern aufgefangen werden können.“

Wladimir Kaiser

Auch die Pädagogen laufen auf dem Zahnfleisch. „Wir geben alles, damit unsere Kinder und Jugendlichen gut versorgt, gesund und möglichst erträglich durch diese Pandemie gehen“, sagt Kaiser. Ein Lichtblick: Mittlerweile sind alle Mitarbeiter der Einrichtung geimpft.

Das wünscht sich Kaiser auch für die Jugendlichen. Das Infektionsrisiko für die Jugendgruppe sei um ein vielfaches höher als in einem „normalen“ Haushalt. Der jüngste Corona-Ausbrüche in einer Wohnungslosen-Notunterkunft in Münster untermauern sein Argument. „Wir haben diesen großen Wunsch an die Politik, dass unsere Jugendlichen bei den Impfungen vorgezogen werden.“ Wellman setzt dafür alle Hebel in Bewegung und ist guter Hoffnung: „Da scheint sich etwas zu tun.“

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