Vier Gemeinden in zwei Pfarreien unter einem Dach

Die Basis rückt in den Fokus

Münster-Nord

Seit eineinhalb Jahren arbeiten die Großgemeinden St. Marien/ St. Josef sowie St. Franziskus am Konzept einer neuen Kooperation miteinander. Nun legten sie das Ergebnis vor, das auch vom Bistum gelobt wird. Eines der Kennzeichen: Größere Eigenständigkeit der vier ehemals selbstständige Gemeinden.

Iris Sauer-Waltermann

Sie wirkten an der Erarbeitung des Leitungsmodells für die Pfarreien St. Marien/ St. Josef sowie St. Franziskus mit (v.r.): leitender Pfarrer Ulrich Messing, Marion Biemann, Willi Feller, Myriam Höping und Marietheres Kroner. Foto: isa

Ein Kraftakt liegt hinter den Beteiligten: Eineinhalb Jahre lang arbeiteten Mitglieder zweier katholischer Großgemeinden in Münsters Norden an einer neuen Art von Kooperation. In Zeiten von Priestermangel und schwindenden Kirchenmitgliedern waren sie gehalten, Ressourcen sparend in großen Einheiten zu denken. Gleichzeitig fühlten sie sich dem Wunsch vieler Gemeindemitglieder verpflichtet, lieb gewonnene kleinteilige Strukturen im Auge zu behalten. Herausgekommen ist die Quadratur des Kreises, beziehungsweise eine „Gemeinschaft von vier Gemeinden in zwei Pfarreien.“

Bei aller notwendigen Zusammenarbeit sei wichtig gewesen, „die alten Gemeinden vor Ort zu stärken“, nennt der leitende Pfarrer Ulrich Messing eine der Leitlinien des Prozesses. Die Basis wurde verstärkt in den Fokus genommen. Messing: „Und wir wollten das ehrenamtliche Engagement vor Ort stärken.“

Die Vorgeschichte der Gemeinden

Zur Vorgeschichte: In einer ersten Fusionswelle hatten sich 2008 St. Norbert (Coerde) und St. Thomas Morus (Rumphorst) zur Gemeinde St. Franziskus zusammen geschlossen. St. Marien (Sprakel) und St. Josef (Kinderhaus) verschmolzen 2012 zu einer Gemeinde mit gleichnamigen Doppelnamen.

Im November 2019 wurde André Sühling als Pfarrer von St. Franziskus verabschiedet. Ulrich Messing (leitender Pfarrer von „St. Marien und St. Josef“) nahm in St. Franziskus die Funktion des Pfarrverwalters wahr. Die Seelsorger beider Großgemeinden wurden zu einem Team zusammengeführt.

Gleichzeitig begann ein Prozess, in dem ein Kooperationsausschuss gebildet wurde und beide Pfarreien Schritt für Schritt klärten, wie ihre zukünftige Zusammenarbeit gestaltet werden könnte. Dieser Beratungsprozess wurde vom Bistum begleitet, das Ende sei jedoch „ergebnisoffen“ gewesen.

Kommentar: Ein Pilotprojekt

Von einer Trendwende zurück zu kleinen Einheiten und mehr Basisnähe zu sprechen, wäre übertrieben. Denn die Zwänge, denen die katholische Kirche unterliegt, bleiben: Die Zahlen der Kirchensteuerzahler, der Gottesdienstbesucher und der geweihten Priester sinken. Die Gemeinden sind daher auch künftig zur Zusammenfassung von Strukturen, zu Rationalisierung, Ressourcen- und Geld sparender Organisation gezwungen. Dennoch lässt das Modell der „Gemeinschaft von Gemeinden“ in Münsters Norden aufhorchen, das auch von der Bistumsleitung als „Pilotprojekt“ gelobt wird. Denn die Neustrukturierung zweier großer Gemeinden wurde einem Kooperationsausschuss übertragen, und damit einem Gremium, das aus der Basis heraus, quasi „von unten nach oben“ arbeitete. Zudem wurde der Bewahrung von möglichst viel Eigenständigkeit und gewachsenen Strukturen ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Praxis wird nun zeigen, wie weit es möglich sein wird, das entworfene Modell auch zu leben.

Der Prozess fand am 22. April dieses Jahres seinen Abschluss. Als Ergebnis wurde das „Leitungsmodell für die Pfarreien St. Marien/St. Josef und St. Franziskus“ präsentiert, dem Weihbischof St. Stefan Zekorn und Personaldezernent Karl Render zustimmten. Doch nicht nur das. Im Namen der Bistumsleitung lobten sie als das „Pilotprojekt“, „das sich in Münsters Norden sehen lassen kann“. Wie genau sieht das Modell nun aus?

  • „Rechtlich bleiben die Gemeinden in den beiden selbstständigen Pfarreien St. Marien/St. Josef und St. Franziskus organisiert“, erläutert Pfarrer Messing.
  • Alle vier Gemeinden haben je einen Gemeinderat (der etwa dem früheren Gemeinde-Ausschuss oder dem noch früheren Pfarrgemeinderat entspricht), erläutert Willi Feller vom Kooperationsausschuss. Die Gemeinderäte sollen „die Verantwortung für die Seelsorge der lokalen Gemeinden wahrnehmen“ und sie „in ihrer Selbstständigkeit fördern“.

Wichtig ist Prinzip der Subsidiarität

  • Wichtig ist dabei das Prinzip der Subsidiarität“, bekräftig Pastoralreferentin Myriam Höping. „Das heißt, so viele Entscheidungen wie möglich werden in den Gemeinderäten getroffen.“
  • Die Gemeinderäte entsenden je zwei Vertreter in den Pastoral-Rat, der dann gemeinsam mit dem Seelsorge-Team organisatorisch übergreifende Entscheidungen trifft und pastorale Leitlinien verantwortet.
  • Das Seelsorge-Team ist für die gesamte Gemeinde zuständig. Zwar sollen einzelne Seelsorger schwerpunktmäßig „Gesicht vor Ort zeigen“, so Messing. Alle Seelsorger wirkten jedoch „als Team, rückgebunden ans Team“ und in enger Kooperation mit den Ehrenamtlichen.
  • Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten „auf Augenhöhe zusammen und übernehmen gemeinsam Verantwortung“, bekräftigt Marietheres Kroner vom Kooperationsausschuss.
  • „Die personellen Ressourcen in der Kirche werden weniger, wir wollen niemanden verlieren“, so Marion Biemann vom Gemeinderat St. Marien. Mitglieder aller Gemeinden seien nun eingeladen, das Modell mit Leben zu füllen.
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