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Seit Februar 2020 nur digitale Veranstaltungen 

Vorleseclub erstmals wieder vor Publikum

Münster-Hiltrup

Der Vorleseclub Hiltrup hat in der Pandemiezeit regelmäßig digitale Angebote gemacht. Doch nichts ersetzt das Vorlesen vor Publikum. „Wir sind auf Entzug“, sagte ein Vorleser, bevor die erste Lesung seit dem Februar 2020 begann.

Von Michael Grottendieck

Der Vorleseclub hat regelmäßig digitale Angebote von professioneller Qualität gemacht. Jetzt lasen Günter Rohkämper-Hegel (v.l.), Carsten Bender und Barbara Kemmler erstmals wieder vor Publikum. Foto: gro

„Wir sind auf Entzug. Sie glauben gar nicht, wie weh das tut“, bekennt Henning Klare in seiner Begrüßung voller Freimut. Seit Februar 2020 hat der Vorleseclub keine öffentliche Lesung durchführen können.

Als wollten die Vorleserinnen und Vorleser alles nachholen, dauerte ihre erste Lesung geschlagene 90 Minuten. Alle wollten und alle durften vor das Publikum treten.

„Praktisch unter uns“

Doch was ist mit den Hiltrupern los? Diese Frage muss erlaubt sein. Warum kommen sie nicht in größerer Zahl? „Wir sind praktisch unter uns“, meint Günter Rohkämper-Hegel lakonisch, als er seinen Blick in Richtung Auditorium schweifen lässt. Gemeinsam mit seiner Frau hatte der Sprecherzieher vor mehr als einem Dutzend Jahren den Vorleseclub gegründet. Zumeist sorgen die Vorleser in schöner Regelmäßigkeit im Café Klostermann für ein volles Haus.

Und nun? Die Bemerkung Rohkämper-Hegels mag etwas übertrieben sein. Aber zweifellos hätte das Foyer im Welthaus der Hiltruper Missionsschwestern Platz für einige Besucher mehr geboten. 45 Plätze wären vorhanden gewesen. Es blieben einige leer.

Wiederholung am Mittwoch

Vielleicht sieht es schon am kommenden Mittwoch (4. August) ganz anders aus. An gleicher Stelle wird das gesamte Programm wiederholt. So war es von vornherein geplant.

„Gemeinsam das Vorlesen zu genießen, ist etwas anderes, als Texte in ein Mikrofon zu sprechen, um Texte zum Streamen oder Download anbieten zu können“, erklärt Henning Klare nach der Lesung voller Begeisterung. Der Vorleseclub war mehr als anderthalb Jahre ausschließlich digital unterwegs. Er hat sich von Corona nicht in die Knie zwingen lassen. Monat für Monat wurden neue Lesungen im digitalen Format abgeliefert.

Ausgangspunkt Bahnhof

Für ihren literarischen Reisestart haben sich die Vorleser den Bahnhof als Ausgangspunkt ausgewählt. Das passt zu Hiltrup wie auch zur aktuellen Zeit. Wie sehr haben die meisten das Reisen vermisst.

Gleich zu Beginn gibt es ein Ausrufezeichen. Ein Text mit Überlänge! 25 Minuten lang lesen Carsten Bender, Barbara Kemmler und Günter Rohkämper-Hegel aus Jean Tardieus Text „Der Schalter“. Zu keiner Sekunde wird es langweilig. Es ist ein Dialog zwischen einem französischen Bahnhofsvorsteher und einem Mann (glänzend gelesen von Carsten Bender!), der mehr als nur eine Auskunft sucht. Er sucht Orientierung für sein Leben.

Auch Claudia Bambach mit Tolstois Anna Karenina oder Monika Nassau mit einem Text von Johannes Trojan bieten längere Stücke. Gleiches gilt für Anne Sandfort, die aus „Mein Nachbar Urs“ von Alex Campus liest. Marissa Girard entführt mit einem Text von Zsusza Bánk immerhin zehn Minuten lang in die Eisenbahn-Welt Ungarns. Lucia Wünsch hat einen Text von Peter Weber im Repertoire.

Pointierte Texte

Für kurze, mithin vergnügliche Intermezzi sorgen Marianne Wagner, Gunthild Klare und Karin Honermann mit oftmals pointierten Texten. Eva Höppner wurde bei Vicco von Bülow (alias „Loriot“) fündig. Eine kleine Sensation ist der dialogische Vortrag von Karl Valentins Bahnhofsszene durch Lucia Wünsch (mit bayrischem Dialekt!) und Günter Rohkämper-Hegel.

Da der Bahnhof auch immer ein Ort der Abschiede ist, widmen sich Henning Klare mit Alfred Polgar und Karin Honermann mit einem Text von Mascha Kaléko diesem Aspekt. Damit klingt die Lesung melancholisch aus. „Was wir missen, scheint uns immer schön.“

Für einen zweiten Termin am Mittwoch (4. August) ab 16 Uhr stehen 45 Karten zur Verfügung, die in der Hiltruper Buchhandlung erhältlich sind.

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