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Zehn Jahre Vorleseclub

Für Genießer

Münster-Hiltrup

An der Universität würde man sagen, das muss aber ein toller Professor sein, dessen Seminar völlig überlaufen ist. Die Stühle reichen vorne und hinten nicht aus, es werden neue herangeschafft. Auch die reichen nicht, es bleiben noch die Fensterbänke, auf denen Platz zu nehmen wäre. Doch weil es eher ältere Semester sind, die hier hereinströmen (denn wer kann auch schon um 15 Uhr nachmittags?), drehen sie lieber wieder ab, als für rund 75 Minuten auf Fensterbänken zu hocken.

Michael Grottendieck

In gepflegter Kaffeehaus-Atmosphäre veranstaltet der Vorleseclub am liebsten seine Lesungen. Die Besucher sind froh, wenn sie im vollen Saal des Café Klostermann eine Sitzgelegenheit ergattern können. Foto: gro

Zuhören könnte man hier gewiss, aber wie sollte man , ohne einen Tisch stilvoll einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen genießen? In Kaffeehaus-Atmosphäre lesen die Akteure vom Vorleseclub nun mal am liebsten. Und sie schaffen dabei, was mancher Professor an der Uni nicht schafft. Es ist mucksmäuschenstill.

So leise und konzentriert geht es zu, weil niemand auch nur einen einzigen Nebensatz verpassen will. Auf ihn könnte es an ankommen, wenn man die Pointen verstehen will. Es gibt nicht nur die Kunst des Vorlesen, die hier gefeiert wird, es gibt gleichermaßen die Kunst des Zuhörens. Der Text steht voll und ganz im Vordergrund.

Im zehnten Jahr seines Bestehens widmet sich der Vorleseclub Geschichten des Gelingens und des Scheiterns. Das kann ja lustig werden, könnte man meinen. Mitten im Karneval! Doch keine Witze über Frauen, die Deutsche Bahn oder den Flughafen Berlin – wie Gerda Hegel zur Einstimmung sagt. Kein Schenkelklopfer, auch keine Zoten, dafür scharfsinnige Beobachtungen, spitze Formulierungen und mithin drastische Beschreibungen, wenn Wolfgang Herrndorf („Tschick“ – gelesen von Geisenheyner), Franz Hohlers Kauz (dargebracht von Heinz-Ludwig Leding), Bernhard Shaw (Beate Eichler-Saile gab den Monolog der Heiligen Johanna) zu Wort kamen. Lucia Wünsch las „Eine ideale Ehe“ von Luigi Pirandello, Henning Klare hatte Martin Suter im Gepäck, Anne Sandfort die Filmerzählerin von Hernan Rivera Letelier. Sie alle handeln vom Gelingen und Scheitern. Und wie schön es ist, etwas zu können und mit diesem Können zu überraschen, so dass es einfach zum Genießen ist, erzählte Günter Rohkämper-Hegel anhand eines Textes von Peter Bichsel.

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