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Überwucherte Gleise am Dortmund-Ems-Kanal

Rätsel um Verkehrsrelikt gelöst

Münster-Hiltrup

Mitten durch einen jungen Wald führen verrostete Bahnschienen – was ist ihr Geheimnis? Die WN hatten berichtet, dass selbst die Deutsche Bahn nicht genau sagen konnte, wann die fast 700 Meter langen Abstellgleise am Dortmund-Ems-Kanal gebaut und wieder aufgegeben wurden. Doch Eisenbahn-Fans kennen die Antwort und haben sich mit hilfreichen Informationen an die Redaktion gewandt.

Markus Lütkemeyer

Die Natur erobert sich die aufgegebene Abstellanlage im Norden von Hiltrup zurück. Viele Einwohner kennen die alten Niemandsgleise, verknüpfen sogar Kindheitserinnerungen mit ihnen. Aber nur wenige Eisenbahn-Experten kennen die ganze Geschichte, die hinter den Relikten steckt. Foto: mlü

Wolfgang Fiegenbaum aus Münster musste nicht lange suchen. Schließlich war der Psychologie-Professor bis vor einigen Jahren Präsident der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. „Bei den Gleisen handelt es sich um die erste Trasse der Münster-Hammer Eisenbahn-Gesellschaft“. Sie wurde 1848 zwischen den beiden Städten eröffnet. Ursprünglich verlief die Eisenbahnstrecke also parallel zum Kanal, über eben jene Gleise, die heute im Wald wildromantisch verrotten.

Doch warum wurde dieser Streckenabschnitt später zu einer Abstellanlage? Für den Bau der Güterumgehungsbahn im Jahr 1930 musste die Bahnlinie nach Münster neu verschwenkt werden. „Die Umgehungsbahn brauchte eine genügend lange Auffahrtsrampe zur Kanalbrücke“, so Fiegenbaum. Das tote Ende der alten Trasse wurde zu einer Abstellanlage für den bezirklichen Güterwagenausgleich der Reichsbahndirektion Münster.

Aus Sicht von Eisenbahn-Enthusiasten ist der kleine Ablaufberg vor den Abstellgleisen ein spannendes Detail. Die Waggons wurden oben von einer Rangierlok nach Gattung sortiert und rollten dank ihres Eigengewichtes hinunter auf das passende Abstellgleis.

Später wurden in Hiltrup ausgemusterte Waggons für den Abtransport zur Verschrottung gesammelt. Der Ort wurde zum Abenteuerspielplatz für eine ganze Generation Münsteraner. Kinder tollten durch die Abteile der Waggons und versteckten sich vor der Bahnpolizei.

Der Münsteraner Claus-Peter Kühn spielte als Kind auch zwischen den Waggons herum und glaubt, dass die Anlage im Zuge der Wiedervereinigung stillgelegt wurde. Im Jahre 1994 wurden Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn der ehemaligen DDR zur Deutschen Bahn zusammengeführt. „Um alte Bahnanlagen nicht erfassen zu müssen, wurde ein Stück Schiene entfernt“, erklärt Kühn. Damit gehörten sie nicht mehr zum Anlagevermögen. „Es liegt Nahe, dass dies so auch Hiltruper Gleisen geschehen ist.“ Nach eigener Auskunft hat die Bahn die Anlage aufgegeben, als andere Konzepte zur Zwischenlagerung von Waggons entwickelt wurden.

Übrigens habe es südlich des Hiltruper Bahnhofes eine zweite Anlage gegeben, berichtet Fiegenbaum. „Die Abstellkapazität betrug damit im Jahre 1935 beachtliche 750 Güterwagen.“ Die Annahme, dass dort im Krieg Züge versteckt wurden, teilt er nicht. „Laut alliierten Luftbildern gab es dort keine Vegetation.“ Größere Waggonansammlungen hätten die Bomberverbände eher noch angelockt.

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