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Sie erlebte die Anfänge des Nationalsozialismus

Zeitzeugin Ruth Weiss zu Gast in der Friedensschule

Münster-Mecklenbeck

Darüber, was eine Jüdin in der Anfangszeit der NS-Herrschaft in Deutschland erleben musste, wurden die Neuntklässler der Friedensschule von einer Zeitzeugin informiert.

Stand den Schülern des neunten Jahrgangs der Friedensschule bei ihrem Besuch Rede und Antwort: Ruth Weiss. Foto: Claudia Strieter

Ruth Weiss, deutsche Jüdin, die 1924 geboren wurde und 1936 mit ihrer Familie nach Südafrika auswanderte, erlebte die Anfänge des Nationalsozialismus in Deutschland als Kind und die Errichtung von Rassentrennung und Apartheid in Südafrika als junge Frau und Journalistin mit. Sie weiß eindrucksvoll von ihren Erfahrungen zu berichten.

Der neunte Jahrgang der bischöflichen Friedensschule hatte jetzt die besondere Gelegenheit, zwei Unterrichtsstunden lang Ruth Weiss und ihrer Begleitung Gesche Karrenbrock, einer pensionierten Juristin mit dem Schwerpunkt Internationales Recht, zuzuhören und Fragen zu stellen.

Lehrer der Volksschule gehörte der NSDAP an

Die Schülerinnen und Schüler, die sich gerade im Religions-, Geschichts- und Deutschunterricht auf eine Fahrt ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald vorbereiten, hörten laut einer Mitteilung des Bistums gebannt zu, wie unmittelbar sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten auf das Leben von Ruth Weiss und ihrer Familie auswirkte. In ihrem Dorf in Franken gehörte der Lehrer ihrer Volksschule der NSDAP an. E setzte deren antisemitische Ideologie in die Praxis um.

Die Familie von Ruth Weiss war Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt. Foto: privat (Archivbild)

Auf der Straße mit Mist beworfen

Ruth Weiss musste als einzige Jüdin der altersübergreifenden Klasse getrennt von den Mitschülern sitzen. In den Pausen spielte keiner mit ihr. Mädchen, die ihr zuvor noch im Poesiealbum ewige Freundschaft versprochen hatten, wandten sich von einem Tag auf den anderen von ihr ab. Die große Schwester, die viele Verehrer im Ort gehabt hatte, wurde kurze Zeit später auf der Straße mit Mist beworfen. Die Familie war Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt.

Die Eltern gingen mit Ruth Weiss zunächst nach Fürth, wo sie die völlig überfüllte israelitische Schule besuchte. Die Kinder lernten ihrer Aussage nach von den überqualifizierten Lehrern, die aus ihren Berufen gedrängt worden waren, sehr viel. Ihr Vater bekam in Südafrika eine Anstellung und ging vor, um für seine Frau und die beiden Töchter alles vorzubereiten. Als die Familie folgte, erfuhr Ruth Weiss sehr schnell, dass sie mit den schwarzen Kindern nicht spielen, sie nicht berühren sollte. Sie war nicht bereit, das zu akzeptieren.

Ruth Weiss

Bis heute vertritt und lebt sie die Ansicht: „Niemand ist mit Vorurteilen geboren.“ Ihre Arbeit als Journalistin widmete sie diesem Grundsatz. Auch als 98-jährige Autorin setzt Ruth Weiss sich mit den Wurzeln und den Ausprägungen von Antisemitismus und Rassismus in der Welt kritisch auseinander.

Bei der Beantwortung der Frage, warum sie Schülern von ihrem Schicksal erzähle, wurde deutlich, dass es Ruth Weiss darum geht, über Unrecht aufzuklären und zu erreichen, dass alle hinsehen, wenn Unrecht geschieht und sich dagegen stellen – immer und gerade jetzt.

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