Fachtagung für Unfallrekonstruktion mit internationalen Referenten und jeder Menge Action

Nach Crashtest: Baum war stärker

Münster-Wolbeck

In Wolbeck kracht es häufiger. Nein, die RTL-Actionserie „Alarm für Cobra 11“ wird hier nicht gedreht. Die Firma CTS crashtest-service ist hier zu Hause. Sie beschäftigt 45 Gutachter, Unfallanalytiker, Mechatroniker, Physiker und Ingenieure. Ihr Auftrag: fast täglich ganz bewusst und vorsätzlich Fahrzeuge zu Schrott zu fahren - im Auftrag von Gerichten, Versicherungen, Sicherheitsfirmen, Fahrzeugausrüstern und Automobilkonzernen. Bei CTS treffen sich auch Experten aus ganz Deutschland zu regelmäßigen Fachveranstaltungen, so auch jetzt auf dem 9. Sachverständigenseminar.

Peter Sauer

Zum Glück kein Unfall, sondern Teil einer zweitägigen Sachverständigen-Tagung bei CTS war am Donnerstagmittag dieser Crash. Foto: Peter Sauer

Mit Tempo 50 fährt der silberfarbene Ford an der Amelunxenstraße ungebremst auf einen Baum zu. Ein Knall, eine weiße Wolke und gleich rund 100 Augenzeugen haben den Unfall mitbekommen. Sie kommen aus ganz Deutschland.

Denn der Crash wurde zu Forschungszwecken inszeniert – auf dem Gelände von CTS. Dort findet bis Freitagabend ein zweitägiges Fachseminar für Unfallrekonstruktion statt, mit breitgefächerten Vorträgen internationaler Referenten in Kombination mit spektakulären Live-Crashtests zu aktuellen Themen der Unfallrekonstruktion. Diese haben sich aus der täglichen Praxis der Ausarbeitung gerichtlicher Gutachten in den letzten Jahren ergeben. Rund 100 Sachverständige, Versicherer und Mitarbeiter der Automobilbranche, die einen Bezug zur Analyse von Straßenverkehrsunfällen haben, nehmen an der Tagung teil.

Peter Schimmelpfennig, geschäftsführender Gesellschafter, stellte CTS mit seinen 45 Mitarbeitern vor. Auf der 30 000 Quadratmeter großen Crashtest-Anlage im Wolbecker Norden stellt das Unternehmen Verkehrsunfälle realitätsnah nach und überprüft Fahrzeugrückhaltesysteme.

CTS untersucht auch, wie Versicherungsbetrüger vorgehen, die zum Beispiel versuchen durch Selbstverstümmelung einen Unfall vorzutäuschen: „Das Vorstandsmitglied einer Firma hat viermal mit der Axt an seinem Fuß vorbeigeschlagen, bevor er getroffen hat“, präsentierte Schimmelpfennig einen Fall von krudem Versicherungsbetrug. „So ein sauberer Bruch ist halt gar nicht so leicht.“

CTS überprüft auch Schutzkleidung und entwickelte besondere Schutzwesten mit. So können bei der Polizei jetzt auch Frauen mit Brustimplantaten arbeiten. Das ging zuvor nicht, weil sie durch die alten Schutzwesten nicht ausreichend geschützt waren.

„Wir prüfen auch gesicherte Fahrzeuge mit Ansprengversuchen – von einer Panzerungklasse, wo sich sonst nur Angela Merkel reinsetzt“, sagt Schimmelpfennig.

Spannend ist eine Untersuchung für eine neue ZDF/BBC-Dokumentation. Dabei geht es darum, wie der ägyptische Pharao Tutanchamun nun wirklich gestorben ist: „Wir untersuchen mit einem Dummy, ob er auf den Boden fiel und von einem Wagenrad überrollt worden ist.“

Dr. Ingo Holtkötter veranschaulichte, wie die Kollision eines Audis mit einem Lkw in einem internationalen Gerichtsprozess von zwei Gutachtern untersucht wurde. Tanja Heilmann von der Berufsfeuerwehr Dortmund referierte darüber, was bei Unfällen mit Elektro- und Hybridfahrzeugen zu beachten ist. „Ersthelfer helfen der Feuerwehr sehr, wenn sie genau mitteilen, um was für einen Autotyp es sich handelt. Oder uns das Nummernschild nennen. Seit 2013 können alle Autos von der Feuerwehr digital erfasst werden.

Diplomingenieur Henrik Liers berichtete über die Grauzone bei Unfällen mit E-Scootern. Für kopfschüttelndes Gelächter sorgte das Ergebnis, das viele Unfälle unter Alkohol passiert waren. Fahrer hatten zwischen 0,5 und 2,6 Promille.

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