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Dichterlesung mit Hermann Mensing

Angeregter Briefwechsel mit der fiktionalen Annette

Münster-Roxel

Er hat den „Annette-Groove“: Bei einer Lesung entführte Dichter und Schriftsteller Hermann Mensing seine Zuhörer in die Welt von Dichterfürstin Annette von Droste Hülshoff.

Von Ulrich Coppel

Das Annette-Portrait daneben: Im Eingangsbereich der Bücherei St. Pantaleon hielt Hermann Mensing seine Lesung ab. Foto: Ulrich Coppel

„It don‘t mean a thing, if it ain‘t got that swing“ – „Es bedeutet gar nichts, wenn es nicht diesen Swing hat“. Diese Aussage des Titels aus der Feder der Big-Band-Legende Duke Ellington bezog der Dichter, Schriftsteller und Musiker Hermann Mensing gleich zu Beginn seiner Lesung im Eingangsbereich der Bücherei St. Pantaleon auf den Rhythmus der Lyrik von Annette von Droste Hülshoff. Und das funktioniert wirklich.

Während Mensing dem andächtig lauschenden Publikum „Der Dichter“ aus der Feder der Grande Dame der Biedermeier-Dichtkunst vortrug, schnippten seine Finger im Offbeat der lyrischen Rhythmik: Mensing hat ihn, den „Annette-Groove“! Das anfängliche, kurze Gedicht war das einzige Originalwerk Droste Hülshoffs – nur zum Einstieg ins eigentliche Lesungsprogramm, das aus einem Briefwechsel zwischen Mensing und dessen fiktionaler Annette bestand.

Bis ins kleinste Detail beschreibend

In feinster Biedermeier-Idiomatik, vom kleinen bis ins kleinste Detail beschreibend, formuliert Mensing in den Briefen persönliche und private Belange, wie etwa ein verstimmtes Hammerklavier im Rüschhaus, durch das er Gäste führt, und das bekanntlich zu Lebzeiten der Dichterin einer ihrer Wohnsitze war. Und die fragt ihn in einer ihrer Antworten, ob er vielleicht einen Klavierstimmer kenne, oder bemerkt intim, dass er manchmal während seiner Vorträge ein bisschen spuckt.

Briefe über aktuelle Geschehnisse und Debatten

In anderen Briefen, insgesamt 38 waren es, beschreibt Mensing der Annette aktuelle Geschehnisse und dazugehörige Debatten, wie etwa über den Klimawandel. Dies, um dann Vergleiche zwischen dem möglichem Wahrnehmungs- beziehungsweise Erklärungshorizont zu Annettes Lebzeiten, und dem heutigen zu ziehen. So befasst sich der Dichter in einem Brief mit der derzeitigen Corona-Pandemie und dem entfesselten Diskurs darüber. Klar, dass zu Annettes Lebzeiten Viren ja noch nicht entdeckt waren. Diesen damals unwissenden Erklärungshorizont vergleicht Mensing mit der Ignoranz von Corona-Ungläubigen: „Etwas, das man weder hören, noch sehen, noch riechen kann, gibt es nicht“, um gleich im Anschluss über Putins aktuellen Ukraine-Eroberungskrieg zu berichten, auf ein Land also, „das zu Deiner Zeit nicht existierte, sondern Teil des Zarenreiches war.“

„Zurück in die Zukunft“

Mensings künstlerische Konzeption in diesen Briefwechseln ist eine vergleichende Gratwanderung zwischen Gegenwartsbeschreibung, und der Zeit des Biedermeiers, zwischen Aufklärung damals und heute, und manchmal auch ein bisschen „Zurück in die Zukunft.“

Die gesamten Briefe sind unter http://www.hermann-mensing.de, und dann weiter unter dem Link „Werkstatt“ zu finden. Der aktuellste Brief Mensings beschreibt die hier besprochene Lesung.

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