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Zum Tode von Johann Baptist Metz

Theologie mit politischer Leidenschaft

Münster

Die Katholische Theologie hat einen ihrer international herausragenden Vordenker verloren. Der münstersche Theologe Johann Baptist Metz ist am Montag Im Alter von 91 Jahren in Münster gestorben. Ein Nachruf.

Johannes Loy

Der Theologe Johann Baptist Metz, Foto: KNA

Die Katholische Theologie hat einen ihrer herausragenden Vordenker verloren. Johann Baptist Metz, der in der ganzen Welt anerkannte Theologe und Begründer der „Neuen Politischen Theologie“, ist am Montag im Alter von 91 Jahren in Münster gestorben. Dies wurde aus dem Umfeld der Katholisch-Theologischen Fakultät bekannt. Noch 2018 war Metz in Münster mit einem Festakt zu seinem 90. Geburtstag geehrt worden. Doch in den vergangenen Monaten schwanden seine Kräfte mehr und mehr. Der emeritierte Hochschullehrer, der von 1963 bis 1993 den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Münster innehatte, galt als einer der bedeutendsten theologischen, philosophischen und auch politischen Vordenker in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) und mit seiner stets an den Leidenden und Entrechteten orientierten Theologie zugleich als wichtiger Ideengeber der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.

Seine ungezählten Schülerinnen und Schüler aus Münster und der ganzen Welt erinnern sich mit Dankbarkeit an seine Vorlesungen, Seminare und Vorträge. Der Audimax in Münster war stets gefüllt, wenn der Fundamentaltheologe über „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ sprach – so lautete auch eines seiner grundlegenden Standardwerke –, über die „Gotteskrise“, die seiner Meinung nach viel tiefer gehe als das Gerede von der Kirchenkrise. Oder wenn er über „Theologie nach Auschwitz“ nachdachte und neue Wege des jüdisch-christlichen Dialogs forderte und zugleich selber beschritt. Wenn er gegen das geschichtslose Geplärre einiger moderner Philosophen und Psychologen wetterte, die Jesus wohlgefällig mit Buddha vertauschten und mehr Wellness als „Compassion“, Mitleidenschaft, im Sinn hatten. Kaum ein anderer hat wie Metz die Grundzüge christlicher Theologie gegenüber Gesellschaftstheorien und Ideologien so dialogbereit und scharfsinnig vertreten.

Rückblende: Im Oktober 1998, kurz nach Metz’ 70. Geburtstag, kam es zu einem legendären „Theologen-Gipfel“ in Ahaus. Metz’ Schüler hatten dazu Kardinal Joseph Ratzinger eingeladen, und es war überraschend zu sehen, dass der damals als „Hardliner“ titulierte Präfekt der Glaubenskongregation, der die Befreiungstheologie und einige ihrer Vertreter „gemaßregelt“ hatte, dem münsterschen Fundamentaltheologen Respekt zollte für seine Theologie, die immer wieder entschieden die Gottesfrage stelle. Niemand konnte ahnen, dass Ratzinger acht Jahre später als Benedikt XVI. Bischof von Rom und Pontifex Maximus werden würde.

Mit der zeitlichen Befristung und damit auch Entmystifizierung des Papstamtes durch eben jenen Joseph Ratzinger hat sich Johann Baptist Metz gut anfreunden können. Und mit dem Argentinier Jorge Bergoglio wurde 2013 ein Mann Papst, der keine Scheu gegenüber der Befreiungstheologie kennt und die Option für die Armen programmatisch ebenso vertritt wie den vielfach von Metz geforderten Polyzentrismus der Kirche – weg von der permanenten Rom-Hörigkeit. Manches also, was Metz visionär forderte, ist schon in Teilen Wirklichkeit.

Johann Baptist Metz wurde am 5. August 1928 in Auerbach in der Oberpfalz geboren. Er studierte in Bamberg, Innsbruck und München und wurde 1952 zum Dr. phil. sowie 1961 zum Dr. theol. promoviert. 1954 folgte die Priesterweihe. Von 1963 bis 1993 hatte Metz den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der WWU inne. Obwohl er in Münster lebt, war er ein leidenschaftlicher Bayer, der sich auch für Fußball begeistern konnte. Seine wissenschaftliche Karriere wurde gekrönt als Gastprofessor für Religionsphilosophie und Weltanschauungslehre an der Universität Wien von 1993 bis 1998.

Stellvertretend für viele Auszeichnungen seien die Buber-Rosenzweig-Medaille (2002) für vorbildliches Engagement im christlich-jüdischen Dialog und der Theologische Preis der Salzburger Hochschulwochen (2007) erwähnt. Johann Baptist Metz warb bis zuletzt unermüdlich für eine Rückbesinnung Europas auf das jüdisch-christliche Erbe und eine „Mitleidenschaft“ (Compassion) für die Leidenden. Dies sei das „christliche Weltprogramm“ oder, anders ausgedrückt, die „christliche Mitgift“ für eine globalisierte Welt.

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