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Tödliche Attacke beim CSD

Vereine verfassen Offenen Brief zum Tod von Malte

Münster

Nach der tödlichen Attacke gegen den 25-jährigen Malte am Rande des Christopher-Street-Day (CSD) in Münster laufen die Ermittlungen weiter. Vereine aus der queeren Szene haben anlässlich der anstehenden Beerdigung einen Offenen Brief verfasst. 

Von Simon Beckmann, Ralf Repöhler, Anna Spliethoff, Dirk Anger, Thorsten Neuhaus, Karin Völker, Luca Pals und Martin Kalitschke

Ein Mann entzündet eine Kerze in Gedenken an Malte C.. Er trägt ein Schweißband in den Farben des Regenbogens als ein Symbol der LGBT-Bewegung. Foto: dpa

Anlässlich der Beerdigung von Malte C. am 4. Oktober haben 14 Vereine, Gruppen und Initiativen einen Offenen Brief an die Münsteraner Stadtgesellschaft verfasst und unterzeichnet. Darin bitten Sie, dass am Tag der Trauerfeier und Beisetzung „ganz Münster solidarisch an der Seite queerer Menschen steht.“ Wörtlich heißt es darin: "Malte ist allein im Krankenhaus gestorben, weil seit Donnerstag niemand mehr zu ihm durfte. Wir möchten ihm einen angemessenen Abschied gewähren." Dazu formulieren die 14 Unterzeichner folgende Bitte: "Wir bitten Sie, am 4.10., dem Tag der Beisetzung und Trauerfeier in Geschäften, Firmen und aus privaten Wohnungen Regenbogenflaggen oder Transgenderflaggen (hellblau, rosa, weiß) zu hängen."

Der Tatverdächtige, der nach dem tödlichen Angriff auf den Transmann Malte C. am Rande des Christopher-Street-Day (CSD) in Münster verhaftet wurde, sitzt weiter in Untersuchungshaft. „Die Ermittlungen laufen weiterhin“, sagte am Montag Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt.

Unterdessen haben elf Vereine und Initiativen aus der queeren Szene in Münster für den 4. Oktober (Dienstag) um 13.30 Uhr in einer Traueranzeige zu einer offiziellen Abschiedstrauerfeier für Malte C. auf dem Waldfriedhof Lauheide eingeladen. Die eigentliche Beisetzung finde zu einem anderen Zeitpunkt statt, hieß aus dem Kreis der Initiatoren.

Der 25-jährige Malte C. war am Rande des Christopher-Street-Day (CSD) in Münster Ende August infolge eines Schlages mit dem Kopf auf den Boden geknallt und weniger Tage später an den Folgen im Krankenhaus gestorben. Es wurde ein 20 Jahre alter Tatverdächtiger festgenommen, der zunächst zwei Frauen unter anderem queerfeindlich beschimpft und bedroht haben soll. Als der 25-Jährige ihn bat, die Beleidigungen zu unterlassen, soll er unvermittelt mindestens einmal mit der Faust zugeschlagen haben.

Video in Kooperation mit der Lokalzeit Münsterland:

Reul: „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet“

Den Angriff auf Malte C. war auch Thema im Landtagsinnenausschuss. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) kündigte dort an, dass homophobe und queerfeindliche Straftaten in der Kriminalitätsstatistik in Nordrhein-Westfalen künftig besser ausgewiesen werden sollen. „Ich möchte den Angehörigen des jungen Mannes, der mit seinem Handeln viel Zivilcourage bewiesen hat, mein herzliches Beileid aussprechen“, sagte Reul. „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet.“

Seit 2017 seien 18 solcher Straftaten in NRW registriert worden. Bei acht dieser Taten seien 13 Verdächtige ermittelt worden. Er würde das Dunkelfeld künftig besser gerne ausleuchten und mehr über die Täter wissen: „Was sind das eigentlich für Menschen, die andere wegen ihrer sexuellen Orientierung angreifen?“, fragte Reul.

Tatvorwurf: Körperverletzung mit Todesfolge

Bei der Obduktion der Leiche des 25-jährigen Malte haben Rechtsmediziner ein schweres Schädel-Hirn-Trauma festgestellt. Es sei vermutlich beim Aufprall seines Kopfes auf den Asphalt entstanden, so Dirk Ollech, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Ob das Trauma die Todesursache gewesen ist oder ob der 25-Jährige an medizinischen Problemen infolge des künstlichen Komas starb, in das er versetzt worden war, werde noch geklärt. Auf den Tatvorwurf – Körperverletzung mit Todesfolge – habe das Ergebnis keine Auswirkung, betont Ollech. Spuren von Faustschlägen seien an der Leiche nicht mehr zu finden gewesen. Die Obduktion fand neun Tage nach der Tat statt, etwaige Schwellungen bildeten sich in einem solchen Zeitraum zurück, so Ollech.

Große Anteilnahme in Münster

Auf der Rathaustreppe in Münster war die Anteilnahme für den gestorbenen Malte lange deutlich sichtbar. Viele Menschen legten Blumen, Plakate und Kerzen in Gedenken an den 25-Jährigen nieder. 

Die erste Ratssitzung nach der tödlichen Attacke hat mit einer Schweigeminute begonnen. „Der Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich“, sagte Oberbürgermeister Markus Lewe. „Er geht uns alle an.“ Die Stadt Münster müsse ein sicherer Ort für alle Menschen sein, hob Lewe vor der Schweigeminute hervor. „Der Tod eines jungen Menschen erschüttert uns.“

Nach der Festnahme des Tatverdächtigen hat sich auch dessen Begleiter gemeldet. Er habe die Polizei kontaktiert und sei als Zeuge vernommen worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Münster. Es hätten sich keine belastbaren Hinweise ergeben, dass er an den Beleidigungen vor dem körperlichen Angriff beteiligt gewesen sei. Auch sonst seien keine Straftaten ersichtlich – gegen ihn werde nicht ermittelt, hieß es weiter.

Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft

Einsatzkräfte einer Mordkommission hatten vor der Festnahme mehrere Zeugenhinweise und umfangreiches Bild- und Videomaterial ausgewertet. Die Beamten fanden Bilder vom mutmaßlichen Täter. „Eine Polizistin, die am Hauptbahnhof im Einsatz war, hatte den Verdächtigen zufällig erkannt“, sagte Oberstaatsanwalt Dirk Ollech. Der Verdächtige habe sich bei der Festnahme nicht gewehrt.

Staatsanwaltschaft sieht Flucht- und Wiederholungsgefahr

Der Anwalt des Tatverdächtigen hatte sich in Medienberichten zuversichtlich gezeigt, dass der 20-Jährige – ein abgelehnter Asylbewerber mit russischem Pass – schnell aus der Untersuchungshaft entlassen werden könnte. Ollech betonte jedoch, dass die Staatsanwaltschaft weiterhin nicht nur von einem dringenden Tatverdacht ausgehe, sondern auch von Flucht- und Wiederholungsgefahr. Sie sehe keinen Anlass, von dieser Einschätzung abzuweichen.

Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf

Münsters Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf erklärte: „Ich bin froh, dass die Festnahme des Tatverdächtigen nach dem brutalen Angriff am Rande des CSD noch am Freitag gelungen ist.“ Dorndorf betonte, dass Münster für Weltoffenheit, Vielfalt und Zivilcourage stehe. „Der schreckliche Vorfall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir diese Werte schützen und als Gesellschaft zusammenstehen. Gerade jetzt! Wir als Polizei wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft leisten.“

Bei Verurteilung droht lange Haftstrafe

Der Tatverdächtige war in der Vergangenheit wiederholt wegen Gewalt- und Drogendelikten aufgefallen. Erst kürzlich, so Ollech, seien gegen ihn wegen Körperverletzung erzieherische Maßnahmen angeordnet worden. Hinweise darauf, dass der 20-Jährige zum Tatzeitpunkt unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand, gibt es nach Angaben des Sprechers nicht.

Im Falle einer Verurteilung drohten dem Mann nun nach Jugendrecht bis zu zehn Jahre Jugendstrafe, nach Erwachsenenrecht zwischen drei und 15 Jahre Haft, so Ollech weiter. Titelseite

Kundgebung mit mehr als 5000 Menschen

Auf dem Prinzipalmarkt in Münster wurde am 2. September ein starkes Zeichen der Solidarität und Anteilnahme gesetzt. Nach Angaben der Polizei versammelten sich mehr als 5000 Menschen – zum Gedenken an den verstorbenen Transmann Malte. Mit der Kundgebung sollte ein Zeichen gegen Gewalt gegen queere Menschen gesetzt und an den verstorbenen 25-Jährigen erinnert werden.

An der Kundgebung haben unter anderem auch Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe und NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) teilgenommen. Die Kundgebung startete mit einer Schweigeminute, es folgten emotionale Redebeiträge.

Bischof Genn: „Barbarische, irrsinnige Tat“

Der Tod von Malte sorgte in Münster und darüber hinaus für große Betroffenheit. Bischof Dr. Felix Genn äußerte in einer Mitteilung seine Erschütterung über den Tod des Mannes: „Ein junges Leben wurde ausgelöscht. Was für eine barbarische, was für eine irrsinnige Tat.“ Der Bischof richtete den Blick zudem nach vorne: „Wir dürfen aber bei der Erschütterung und Trauer nicht stehen bleiben. Wir müssen laut unsere Stimme erheben (...). Wir müssen und werden uns mit allen friedlichen Mitteln gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen.“

Oberbürgermeister Markus Lewe zeigte sich in einer Pressemitteilung ebenfalls bestürzt: „Der Tod des jungen Mannes erschüttert mich zutiefst. Wir sind unendlich traurig. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden.“

Lewe betonte: „Dieser Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich. Er geht uns alle an. Unsere Stadtgesellschaft ist weltoffen und tolerant und wird weiter dafür kämpfen, ein sicherer Ort für marginalisierte Menschen zu sein.“

Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum

Von einer „widerwärtigen Tat“ sprach Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum in Münster. „Wir sind alle noch vollkommen sprachlos und in tiefer Trauer, dass ein so junger Mensch, der zur Hilfe herbeigeeilt ist, auf diese Art und Weise aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sein ganzes Leben noch vor sich gehabt“, sagte er. Dass so etwas ausgerechnet in Münster, einer schönen, lebenswerten und weltoffenen Stadt, in der sich die verschiedenen Kulturen austauschen und bereichern, passiere, sei unbegreiflich.

Diese Tat mache aber nicht nur wütend, sondern schaffe auch Angst, so Philippski. Er habe beobachtet, dass auch die Angstschwelle in Münster gestiegen sei. „Einige trauen sich nicht mehr, ihre Regenbogenutensilien offen zu tragen“, sagte er. „Durch solche Taten dürfen wir uns aber nicht zurückschrecken lassen, sondern müssen mutig vorangehen.“

Queerfeindliche Einstellungen werden nach Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) durch soziale Medien verstärkt. Schon seit vielen Jahren gebe es in der Gesellschaft solche menschenfeindlichen Einstellungen, die durch die „Echokammern“ im Internet noch angeheizt würden, kritisierte René Mertens vom LSVD auf WDR 5. Soziale Medien tragen nach seiner Einschätzung dazu bei, dass „homophobe Sprüche und queerfeindliche Ideologien“ in Hass und Gewalt umschlagen. „Wir brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft“, mahnte Mertens. „Queerfeindlichkeit geht uns alle an.“

Lokale Politik spricht von „Mahnung zu Toleranz“

Lia Kirsch, Fabian Schulz und Lena-Rosa Beste von der SPD Münster sprachen davon, dass die Gesellschaft geschlossen gegen Diskriminierung und Gewalt einstehen müsse. Die CDU bezeichnete den Tod „als eindringliche Mahnung zu Toleranz und menschlichem Umgang“.

Ali Saker aus dem Kreisverband der Grünen bemerkte, dass Maltes mutiges Einstehen für den Schutz der Queer-Community nicht vergessen werde. „Es ist eine Erinnerung daran, dass der CSD und das Feiern von Pride und Vielfalt von entscheidender Bedeutung sind, um Trans- und Homofeindlichkeit in unserer Gesellschaft zu bekämpfen.“

Video in Kooperation mit dem WDR:

Janna Frydryszek, Jugendbildungsreferentin der DGB-Jugend Münsterland, verurteilte die „feige Tat“ auf das Schärfste: „Diese Tat zeigt vor allem, dass alle Erfolge im Kampf für Gleichberechtigung der LGBTQIA+ keine Selbstverständlichkeit sind.“ Beim Spiel des SC Preußen Münster gegen Köln II wird es außerdem eine Schweigeminute geben.

Unter anderem äußerte auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, auf Twitter ihr Mitgefühl.

In den Sozialen Netzwerken gab es an vielen Stellen Solidaritätsbekundungen. Entsetzen und Bestürzung zogen sich durch die Beiträge. Bei Twitter trendete der Hashtag "#Malte".

Münsters FDP-Vorsitzender Jörg Berens äußerte sich auf Twitter ebenfalls.

Anteilnahme äußerte auch die Partei Volt:

Doch auch weit über Münster hinaus sorgte der Tod des 25-jährigen Transmanns für Bestürzung – so auch beim Bundesfamilienministerium.

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