Leiter Christoph Spieker geht in den Ruhestand

Villa ten Hompel: Ein Ort der Opfer und der Täter

Münster

18 Jahre war Christoph Spieker Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel, nun geht er in den Ruhestand. Im Interview blickt der 65-Jährige auf seine Arbeit und die Höhepunkte in der Geschichte der Villa ten Hompel zurück.

Martin Kalitschke

Christoph Spieker Leiter der Villa ten Hompel geht in den Ruhestand Foto: Matthias Ahlke

18 Jahre lang leitete Dr. Christoph Spieker den Geschichtsort Villa ten Hompel am Kaiser-Wilhelm-Ring, nun geht er in den Ruhestand. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht der 65-jährige Historiker eine Bilanz.

Herr Spieker, Sie waren von Anfang an bei der Villa ten Hompel dabei. Was ist das Besondere dieser Einrichtung?

Spieker: Sie ist eine Mischung aus Volkshochschule, Museum und Archiv, für die wir den neuen Begriff Geschichtsort geprägt haben – den übrigens mittlerweile einige andere Einrichtungen übernommen haben.

Wie waren Sie auf diese Bezeichnung gekommen?

Spieker: Die Idee entstand in einem Jazz-Club in Dortmund. Um den Begriff Geschichtsort nicht zu vergessen, schrieb ich ihn auf einen Bierdeckel. Bei der Eröffnung der Villa ten Hompel schaffte er es dann in die Rede des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Berthold Tillmann.

22 Jahre gibt es diesen Geschichtsort mittlerweile. Was sind für Sie die Höhepunkte in dieser Zeit gewesen?

Spieker: Ganz persönlich sind mir zwei Ereignisse besonders in Erinnerung geblieben. Als ich 2017 mit einem Schüleraustausch zwischen der münsterischen Partnerstadt Rishon Le-Zion und der Region Münster zum Gegenbesuch in Israel war, konnte ich ein langes Gespräch mit dem Sohn von Max Meyers führen. Er war als Jude aus Stadtlohn deportiert worden und hat wie durch ein Wunder Auschwitz überlebt. Ich hatte ab 1979 lange vergeblich versucht, ihn zu finden, das Gespräch 2017 schloss für mich einen Kreis nach Jahrzehnten. Das Freundschaftsband aus dem Schulprojekt trage ich übrigens immer noch am Arm. Das andere für mich besonders wichtige Ereignis war ein Interview mit der 96-jährigen Betty Nizza Tal in Israel über ihre Rettung vor der Deportation in Amsterdam.

Welcher rote Faden zieht sich bis heute durch den Geschichtsort?

Spieker: Die Villa ten Hompel wurde von Rudolf ten Hompel, einem reichen Industriellen, ab 1924 errichtet. Er war Reichstagsabgeordneter des Zentrums, bevor an ihm 1935 ein Exempel statuiert wurde. Das Landgericht Münster warf ihm Veruntreuung, Konkursvergehen, Vermögensverschiebungen und Urkundenfälschung vor, die Villa wurde eingezogen. 1940 übernahm die Ordnungspolizei das Gebäude als Hauptquartier für den Wehrkreis VI. Während des Krieges wurden von hier aus über 20 Polizei-Bataillone in das besetzte Europa geschickt. Und ab 1954 war hier das Dezernat für Wiedergutmachung der Bezirksregierung ansässig, der spätere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, stellte unter anderem einen Wiedergutmachungsantrag. Die Villa ten Hompel war also sowohl ein Ort der Täter als auch der Opfer.

Welche Ausstellungen sind für Sie Wegmarken in der Entwicklung der Villa gewesen?

Spieker: „I.m A.uftrag“ und „Wiedergutmachung als Auftrag“ – die beiden Ausstellungen thematisierten Kriegsverbrechen im Nationalsozialismus, Entschädigung für NS-Unrecht, Poli-zei- und Behördengeschichte. Aber auch die Neuaufstellung der Dauerausstellung „Geschichte – Gewalt – Gewissen“ 2015 war ein wichtiger Markstein.

Das Haus arbeitet heute nicht nur mit Institutionen vor Ort, sondern mit Museen weltweit zusammen.

Spieker: Genau, wir kooperieren in der Seminar- und Bildungsarbeit eng mit der Universität, Schulen und der Polizei. Seit 2009 arbeiten wir zudem unter anderem mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und dem Holocaust Memorial in Washington zusammen.

Wobei die Arbeit der Villa ten Hompel über die wissenschaftliche Arbeit weit hinausreicht.

Spieker: Richtig. Unser Ziel ist es auch, die Erkenntnisse aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu transportieren und so das Handeln für die Zukunft zu beeinflussen: Abholen, Mitnehmen, neue Perspektiven anbieten, selbst Konsequenzen entdecken lassen, Handlungsermutigung in ethischer Konsequenz aus der Vergangenheit, eben aus der Geschichte in das Gewissen. Damit haben wir seit 2005 allein 180 Schulklassen und auch über 1000 Polizistinnen und Polizisten pro Jahr erreicht. Hinzu kommt die „Mobile Beratung im Regierungsbezirk Münster – Gegen Rechtsextremismus, für Demokratie“, die der Villa ten Hompel angegliedert ist. Natürlich ist es immer wieder eine Herausforderung, die Methoden an sich ständig verändernde Rahmenbedingungen anzupassen.

Nach 18 Jahren an der Spitze: Ist die Villa gut für die Zukunft aufgestellt?

Spieker: Ja, ich denke schon. Mir ist wichtig, das die Arbeit fortgeführt wird, dabei die Tür für Innovationen offen bleibt und vor allem das tolle Team mitgenommen wird. Ohne diese Unterstützung wäre die Entwicklung der letzten 20 Jahre nicht möglich gewesen.

Fällt es Ihnen schwer, die Villa ten Hompel zu verlassen?

Spieker: Sicher, und ich gehe mit Demut und Dankbarkeit, dafür, dass ich als neugieriger Wissenschaftler und Vermittler mit den Menschen am Geschichtsort solange hier arbeiten durfte.

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