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Friseure als „Barber Angels“ aktiv

Waschen, schneiden, Würde schenken

Münster

Die „Barber Angels“ wollen nicht nur Haare in Ordnung bringen, sondern auch Würde zurückgeben – an von Armut betroffene Menschen. Jetzt haben sie zum dritten Mal die Scheren in Münster geschwungen.

Von Timo Gemmeke

Friseur Uwe Kennemund und David Oer bei der Aktion der „Barber Angels“ Foto: Timo Gemmeke

An seinen letzten Haarschnitt kann sich Markus Schymetzki nicht mehr so genau erinnern. Was er aber weiß: „Der ist mindestens ein Jahr her, wenn nicht länger“. Einen regelmäßigen Besuch beim Friseur kann er sich nicht leisten. „Ich kann nicht alle paar Wochen 30 Euro für meine Frisur ausgeben. Das ist einfach nicht drin.“ Dass seine Haare, altersgerecht aber schnittig nach hinten gescheitelt, jetzt nicht mehr über die Schultern gehen, hat ihn an diesem Sonntag keinen Cent gekostet. Nur einen Spaziergang von seinem aktuellen Wohnort, der Bischof-Hermann-Stiftung, bis zum Bahnhof.

Dort hatten am Sonntag die Barber-Angels ihren temporären Friseursalon in den Räumen der Bahnhofsmission geöffnet. „Jeder, der mittellos ist, kann sich von uns einen kostenlosen Haarschnitt verpassen lassen“, erklärt Petra Geldermann. Die Friseurmeisterin aus Reken ist seit vier Jahren bei den etwas anderen „Angels“ aktiv. Mit vier weiteren Friseuren und Friseurinnen sowie zwei Helfern bei der Organisation – darunter auch Ehemann Carsten Ertmer-Geldermann – hat sie zur ersten Aktion des NRW-Chapters im neuen Jahr eingeladen. Und der Andrang war nicht klein: Bereits etwa zwei Stunden nach Öffnung wurden 18 Köpfe frisiert – Tendenz über den gesamten Mittag: steigend.

Dritter Besuch in Münster

Für Geldermann und ihre Kollegen war es bereits der dritte Besuch in Münster. „Dann hat Corona uns aber erstmal für fast zwei Jahre ziemlich ausgebremst“. Das Problem: Mit Beginn der Pandemie wurde es Vorschrift, dass bei jedem Schnitt auch die Haare gewaschen werden müssen. „Die meisten Einrichtungen, in denen wir unterwegs waren, hatten aber keine ausreichende Infrastruktur dafür.“ Dass die Aktionen der Angels weitergehen können, liegt an einer technischen Finesse: Mit sogenannten Waschhauben können die Hygieneregeln auch ohne Becken und Wasseranschluss eingehalten werden.

Aktion Barber Angels: Eine Friseurin und Markus Schymetzki Foto: Timo Gemmeke

Auf röhrenden Choppern sind die Angels nicht in die Domstadt gelangt. „Wir sind keine Biker, die wenigsten von uns haben irgendeinen Bezug zu Motorrädern“, erzählt Carsten Ertmer-Geldermann. Die Kutten – in Abgrenzung an infame Motorradgangs bewusst ohne beschrifteten Rücken – sollen vielmehr die Hemmschwelle für ihre Kunden nehmen. „Würden wir hier gestylt und in schicken Klamotten stehen, würden sicher nicht so viele Leute kommen und sich hier wohlfühlen.“ Der Verein „Barber Angels Brotherhood“ hat bereits 400 Aktionen in ganz Europa umgesetzt.

Für Susanne Riepe ist das Besondere der Charity-Aktion vor allem die Dankbarkeit der Bedürftigen. „Ich komme mit Leuten ins Gespräch, die ich in meinem Salon sonst nie sehen würde“, erzählt sie. Beim Pläuschchen gehe es dann genau so um Alltägliches wie um teils schwere Kost. „Manche brauchen auch einfach ein offenes Ohr für ihre Ängste und Sorgen, das sie sonst auf der Straße nicht bekommen. Das macht die Sache schon sehr menschlich“.

Zielgruppe für das Charity-Haareschneiden in Münster wächst

Ähnlich sieht das Christine Kockmann, Leiterin der Bahnhofsmission. „Die Aktion ermöglicht nicht nur Bedürftigen einen neuen Haarschnitt, sie gibt auch ein Stück Würde zurück“. Die Zielgruppe für Angebote wie das Charity-Haarschneiden wachse auch in einer Stadt wie Münster: „Es kommen nicht nur Wohnungslose, sondern Menschen aus ganz verschiedenen Teilen der Gesellschaft, die unter Armut leiden.“

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