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Selbsthilfegruppe „Messie-Syndrom“

Wenn Sammelleidenschaft Leiden schafft

Münster

Sammeln und nicht aussortieren können. Für Betroffene ist das ein Teufelskreis. Wie man aus der Nummer rauskommen kann, möchte eine neue Selbsthilfegruppe rund um das „Messie-Syndrom“ aufarbeiten.

Maria Meik

  Foto: Colourbox

Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Es sind nicht Hunderte, es sind Tausende, die der Münsteraner in seiner Wohnung hortet. Die Regale sind voll, daneben stapeln sich Kartons über Kartons mit Büchern. „Ich kann mich schlecht trennen. Alte Bücher raus und neue rein, das geht nicht. Ich fühle mich nicht gut dabei“, sagt der 45-Jährige. Es sei ein ewiger Kampf zwischen Herz, Verstand und seiner Frau. „Ich liebe Bücher, habe sie gerne um mich“, beschreibt er seine Sammelleidenschaft, die bei ihm nun Leiden schafft.

Weil sich seine Frau in der Bücherlandschaft nicht wohl fühlt und er sich verkannt fühle, wenn ihm nachgesagt werde, dass er eine „Büchermeise“ habe und seine Literatur-Masse ihn zum Messie abdriften ließe.

Das Messie-Syndrom? Wer kennt sie nicht, die TV-Bilder von vermüllten Wohnungen, von Menschen die Unrat stapeln, nicht aussortieren können und so in einen Teufelskreis geraten. Vermüllung ist ein Extrembild und hat mit dem Bücherwurm in diesem Fall nichts gemein. Ob er ein typischer Messie sei? Antwort: „Das weiß ich nicht. Aber es ist der Grund, warum für mich eine Selbsthilfegruppe wichtig sein könnte.“ Und so soll die Gruppe „Messie-Syndrom“ bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle im Paritätischen Zentrum am Dahlweg aufgebaut werden.

„Wir haben bereits fünf Leute, die an dieser Gruppe interessiert sind“, berichtet Marco Tammen von der Selbsthilfe-Kontaktstelle. Der Austausch könne im Alltag oft viel bewegen, man beginne, sich um sich selber zu kümmern. Ein Haushalts­coach wird die Gruppe an den Start bringen.

„Mit Hilfe der Gruppe möchte ich einen nüchternen Blick auf mich bekommen, herausfinden, wo mein Problem liegt und wie ich aus der Nummer rauskomme. Ist es normal oder ungewöhnlich, skurril oder pathologisch?“, fragt sich der belesene Münsteraner, der sehr wohl Platz schaffen möchte – „aber nicht so radikal“. Geschichte, Philosophie, Soziologie, es ist aus allen Bereichen etwas dabei. Auch der Keller sei voller Bücher. „Als zehn Kartons beim Hochwasser im Sommer weggeschwommen sind, war das nicht der Riesenverlust für mich. Diese Erfahrung gibt mir zu denken“, sagt der Sammler, der selbstständig war und nach einem Burn-out sich in einer kreativen Tätigkeit völlig neu orientiert hat, die ihn glücklicher mache.

Mit dem Sammeln fing er in seiner Zivi-Zeit an. „Die Unterkunft war so trostlos.“ Später habe er sich das Rauchen abgewöhnt. „Ich vermute, dass ich die Sucht verlagert habe“, reflektiert der Münsteraner. Ob eine Radikal-Entsorgung seiner Bücher ihn traurig machen würde? „Vielleicht würde es eine Erleichterung bringen. Aber sicher bin ich nicht.“

Zum Thema

Wer sich der Selbsthilfe-Gruppe „Messie-Syndrom“ anschließen möchte, kann sich bei der Kontaktstelle melden, Telefon 609 332 30, Mail: selbsthilfe-muenster@paritaet-nrw.org

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