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FH-Professor im Interview

Wie Städte der Gefahr durch Hochwasser vorbeugen können

Münster

Starke Regengüsse sorgten in der vergangenen Nacht in Deutschland für Überflutungen. Prof. Dr. Helmut Grüning erforscht an der Fachhochschule Möglichkeiten zur Starkregenvorsorge und erklärt im Interview, was helfen kann, der Gefahr vorzubeugen.

 

In NRW und dem Rheinland hat Starkregen schwere Schäden angerichet. Foto: dpa/David Young

Prof. Dr. Helmut Grüning, in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kam es  zu starken Regengüssen und Sturzfluten, die massive Schäden in den Städten angerichtet haben. Wie kommen diese Überflutungen zustande?

Prof. Dr. Helmut Grüning: Ein Problem ist sicher der hohe befestigte Flächenanteil im urbanen Raum. Das Regenwasser kann nicht versickern und verdunsten, sondern fließt häufig unmittelbar über befestigte Flächen zum tiefsten Punkt – und das ist oft der Keller. Weiterhin entstehen Überflutungen durch stark anschwellende Gewässer, die keinen Platz haben, um sich auszubreiten. Im urbanen Raum sind Gewässer häufig stark eingeschnürt oder sogar kanalisiert. Weiterhin ist das Kanalnetz für Starkregen wie in den letzten Tagen nicht ausgelegt. Probleme entstehen aber auch, wenn Straßeneinläufe oder Durchlässe durch Treibgut, also Blätter oder Äste, blockiert sind. Dann kann das Wasser gar nicht in das Kanalnetz hinein und fließt über die Oberfläche.

Gibt es Möglichkeiten, diese Sturzfluten zu verhindern?

Grüning: Nur bis zu einem gewissen Grad. In Extremsituationen ist die Natur letztlich stärker. Aber wir können uns durchaus schützen. Dazu müssen aber viele Akteurinnen und Akteure zusammenarbeiten –  Verkehrsplanung, Stadtplanung, Politik und Wissenschaft müssen gemeinsame Lösungen entwickeln. Zuerst einmal müssen Gefahrenpunkte beispielsweise durch Starkregengefahrenkarten analysiert werden. Insbesondere kritische Infrastruktur, wie Krankenhäuser oder U-Bahnstationen, benötigt einen besonderen Schutz. Dann muss an manchen Orten die bestehende Gewässerführung kritisch hinterfragt werden. Gewässer brauchen Platz. Eine Möglichkeit der Überflutungsvorsorge sind beispielsweise multifunktionale Flächen.

In NRW und Rheinland-Pfalz wurden durch den Starkregen viele Orte überflutet. Foto: dpa/David Young

Was sind multifunktionale Flächen?

Grüning: Dabei handelt es sich etwa um Verkehrsflächen oder Plätze, auf denen das Wasser keinen Schaden anrichten kann. Sportplätze zum Beispiel – dort fließt das Wasser hin und läuft mit der Zeit wieder ab. Oder abgesenkte Plätze in der Innenstadt, an denen sich das Wasser gefahrlos sammeln kann. Hier muss das Wasser gezielt hingeleitet werden. Dazu müssen in den Straßen die Rinnsteine so ausgebaut werden, dass sie die Sturzflut entsprechend lenken können.

Das sind Lösungen, um die sich Städte und Kommunen kümmern müssen. Gibt es auch Empfehlungen für Privatleute?

Grüning: Ja. Grundsätzlich muss das Gebäude durch Rückstauverschlüsse oder durch eine Abwasserhebeanlage gesichert sein. Kellertüren und Fenster gibt es in drucksicheren Ausführungen. Das Grundstück kann durch eine Mauer geschützt werden. Außerdem würde ich wertvollen Hausrat möglichst in oberen Etagen und nicht im Kellerraum abstellen. Und wenn der Keller vollläuft, sollte er nicht betreten werden. Durch den Wasserdruck können Türen blockiert werden und es besteht die Gefahr, einen Stromschlag zu bekommen.

Was ist noch wichtig?

Grüning: Wichtig für uns alle ist es, urbanes Grün zu etablieren, damit Regenwasser versickern und verdunsten kann. Wir brauchen begrünte Dächer, Baumrigolen und nicht befestigte Flächen. Zwar können wir uns nicht gegen alles absichern, dennoch können wir damit helfen, die Schäden einzugrenzen.

Damit befassen Sie sich auch in Ihrer Forschung.

Grüning:Genau. Im Technikum für Hydraulik und Stadthydrologie auf dem Campus in Steinfurt können wir simulieren, was passiert, wenn eine Kanalisation überläuft, und erforschen Maßnahmen zur Vorsorge. Im Projekt „BeGrüKlim“ zum Beispiel entwickeln und testen wir ein Konzept, das zur Bewässerung von Stadtgrün beiträgt und gleichzeitig den Rückhalt von Oberflächenabflüssen ermöglicht, um das Überflutungsrisiko zu senken. Bewässerungsreservoirs an Bäumen können das Regenwasser speichern und das Wasser so auch in Trockenzeiten verfügbar machen. Somit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.

Bezirksregierung beobachtet Pegelstände in der Region

Heftige Starkregen und schwere Gewitter führen oftmals zu steigenden Pegelständen in den Flüssen.  Die Mitarbeiter*innen aus dem Hochwasserschutz-Dezernat der Bezirksregierung Münster haben stets ein wachsames Auge auf die Entwicklung der hiesigen Pegelstände, heißt es in einer Pressemitteilung. Ist die Hochwasserlage angespannt, leiten sie als sogenannter "Meldekopf" für die Region eine ganze Reihe von Schutzmaßnahmen ein. Sie sind durchgehend in Bereitschaft. 

"Es gibt bei uns im Regierungsbezirk aktuell keinen konkreten Anlass zur Sorge, was das Hochwasser in den größeren Gewässern angeht", sagt mit Heiner Berger jemand, der sich auf diesem Gebiet bestens auskennt. Der studierte Wasserbauingenieur ist seit vielen Jahren bei der Bezirksregierung Münster und Ansprechpartner für Überschwemmungsgebiete, präventives Starkregenmanagement und Hochwasserschutz.

Präventiver Hochwasserschutz

Die Bezirksregierung ist für den Fall der Fälle vorbereitet. "Aktuell sind die Wasserstände zum Beispiel an der Ems normal und befinden sich bei einem mittleren Niedrigwasserstand. Der Regen versickert derzeit noch überwiegend auf den Äckern und landet noch nicht im Fluss," erklärt Heiner Berger. "Bei den derzeitigen Regenprognosen rechnen wir mit einem moderaten Anstieg des Wasserspiegels in der Ems, mit einer zeitlichen Verzögerung in den nächsten Tagen."

Messstationen an der Ems

Für die Ems ist die Bezirksregierung in ihrem Verlauf von Warendorf bis Rheine originär zuständig. Ein eigener Bauhof kümmert sich hier um die Gewässerunterhaltung. Fünf Messstationen für Pegelstände, die das LANUV betreibt, gibt es auf diesem Abschnitt. "Die Messstation an der Ems in Rheda liegt im Bereich des Regierungsbezirkes Detmold. Der Pegelstand dort interessiert uns natürlich auch, weil das Wasser dort, nahe des Quellbereichs der Ems in Steinhorst, ja eins zu eins in unseren Bereich fließt. Weitere Pegelstände der Ems erreichen uns permanent aus Einen, Greven und Rheine", so der Wasserbauingenieur weiter.

Hochwasserwarnstufen und App "Mein Pegel"

Stellen die Kreise, kreisfreien Städte oder Kommunen erhöhte Pegelstände an ihren Gewässern fest, dann melden sie diese an die Bezirksregierung. Die Behörden stimmen dann untereinander die Entwicklungen und Vorhersagen ab. Wenn gewisse Warnstufen überschritten werden, setzt sich eine Reihe von Maßnahmen in Gang. Grundlage dafür ist eine Hochwassermeldeordnung, die die Bezirksregierung Münster federführend erarbeitet hat.

Heiner Berger erklärt: "Unsere Hochwassermeldeordnung enthält ziemlich genaue Handlungsanweisungen. Wenn etwa eine Hochwasserwarnstufe erreicht ist, benachrichtigen wir die Kreise und kreisfreien Städte als untere Wasserbehörden. Es werden dann zum Beispiel bestimmte Straßen oder Brücken für den Verkehr gesperrt. Wir selbst sind bei den Maßnahmen nicht operativ tätig. Die Ausführung ist dann Sache der Kreise und Kommunen." Insgesamt gibt es die Hochwasserwarnstufen I bis III. In der Hochwassermeldeordnung sind dazu Zwischenstufen definiert, die bestimmte Maßnahmen nach sich ziehen. Die verschiedenen aktuellen Pegelstände sind auf der Homepage des LANUV auch für die Bürger einsehbar. Über die App "Mein Pegel" kann jeder die aktuellen Pegelstände einsehen.

Hochwasser 2016 und 2002/03

Die letzte gravierende Hochwasserlage gab es im Regierungsbezirk Münster im Sommer 2016 im Westmünsterland an der Issel, Berkel und der Bocholter Aa. An der Ems kam es zu Hochwasser um den Jahreswechsel 2002/2003. "Eine solche Hochwasserlage wie damals an der Ems gibt es hier in der Gegend durchschnittlich nur alle zehn bis 20 Jahre", sagt Heiner Berger. Es lohnt sich schon rein statistisch gesehen, bei den Entwicklungen der Wasserstände besonders achtsam zu sein. Die Bezirksregierung Münster ist jedenfalls stets gut auf alles vorbereitet.

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