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Hendrik Streeck im Dom

„Wir brauchen Routine im Umgang mit dem Virus“

Münster

Er ist einer der besten Virologen Deutschlands. Professor Hendrik Streeck, Leiter der Virologie der Uni Bonn. In seiner Rede in Münster warnte er davor, Angst als Ratgeber zu sehen - und machte zudem Hoffnung.

Frank Polke

Professor Hendrik Streeck am Mittwoch im Dom zu Münster. Foto: Wilfried Gerharz

Der Redner hielt sich nur kurz mit Erinnerungen an seine Zeit als Zivildienstleistender im Franziskus-Krankenhaus in Münster auf. „Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, auch im Dom“, sagt Hendrik Streeck. Seit dieser Zeit in den 90er Jahren hat sich der heute 43 Jahre alte Mediziner zu einem der angesehensten Virologen Deutschlands und Europas entwickelt. Eine Karriere, die dem gebürtigen Göttinger eine Einladung zu den Domgedanken in Münster verschaffte. „Fünf Abende der Hoffnung“ ist die Gesprächsreihe überschrieben – doch der Direktor des Instituts für Virologie an der Universitätsklinik Bonn durchkreuzte die Hoffnung vieler Zuhörer auf Hoffnung schnell. „Nein, das Virus wird nicht verschwinden. Es wird Teil unseres Lebens, unseres Alltags werden. Weltweit.“ Dies sei fast einhellige Meinung aller Wissenschaftler, die sich sonst nicht immer einig sind und waren.

Laut Streeck bringe es gar nichts, jetzt dramatisierend von einer zweiten Covid-Welle zu sprechen. Dies sei Teil der medialen, verkürzt dargestellten und oft angstgesteuerten Debatte. „Es wird eher eine Dauerwelle werden. Wir werden immer wieder neue Ausbrüche haben, überall.“ Daran müsse man sich gewöhnen. Angst – und das war die zentrale Botschaft seines Vortrags – sei dabei der völlig falsche Ratgeber. „Vor allem wenn sie politisiert wird, wenn es eine Rennen der Bundesländer gibt. Nein, wir alle brauchen Routine im Umgang mit der Pandemie.“

Bundesregierung habe richtig gehandelt 

Streeck, der nach dem Ausbruch in Gangelt im Kreis Heinsberg mit seiner nicht unumstrittenen Gangelt-Studie die erste wissenschaftliche Untersuchung über Infektionszahlen und Sterblichkeitsraten vorgelegt hat und der Bund- und Landesregierungen berät, redet an diesem Abend nicht der Sorglosigkeit das Wort. „Aber wir müssen uns vor Augen führen, dass die Sterblichkeitsrate dort bei 0,37 Prozent liegt. Das ist mehr als bei der Grippe, aber Covid wird nicht unser Untergang sein.“ Streeck nennt als Beispiel die subjektive Angst vieler Menschen vor dem Flugzeugabsturz – und die viel höhere Gefahr, auf dem Weg zum Flughafen mit dem Auto tödlich zu verunglücken. Jeder Mensch solle doch bitte selbst über das Risiko einer möglichen Infektion entscheiden. „Eine 93-jährige Frau im Pflegeheim soll und darf selbst darüber befinden, ob sie ihre Enkelkinder sehen will oder nicht. Es ist ihre Abwägung.“

Die Bundesregierung habe im März angesichts der Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung richtig gehandelt. Heute habe man aber viel mehr Erkenntnisse über Infektionswege („Kaum eine Ansteckung erfolgt über Oberflächen“), über wirksame Bekämpfungsmaßnahmen, die einen zweiten, flächendeckenden Lockdown nicht mehr nötig machten. „Wir brauchen eine Eingreiftruppe für regionale Lösungsansätze.“ Und die Erlaubnis, in dem schwierigen Prozess auch Fehler zu machen. „Diese Kultur fehlt uns.“

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