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WN-Spendenaktion: Ruanda

Versorgung schenken mit „Bienfait“

Ostbevern

Kinder und Jugendliche mit Behinderungen werden in Ruanda häufig stigmatisiert. Und: Sie erreichen dringend benötigte Gesundheitseinrichtungen nicht. Der Verein „1000 Hügel“ möchte das ändern.

Von Daniela Allendorf

Das Angebot des mobilen Teams des Projektes „Bienfait“ umfasst die Diagnosegebung, die Versorgung von Krankenversicherungen und Hilfsmitteln wie Rollstühle, Prothesen und Orthesen, Physiotherapie und psychologische Betreuung für Kinder und Eltern. Foto: A. Rugema

Er war gerade neun Monate alt, als seine Mutter starb. Doch der kleine Bienfait hatte Glück, ein Freund von Janine Frönd nahm den kleinen Jungen und seinen dreijährigen Bruder bei sich auf. „Eigentlich hatte er schon drei Kinder in Pflege“, sagt die Ostbevernerin und erinnert sich, noch genau an dem Moment, als sie den Hilferuf bekam: „Irgendetwas ist mit dem Kind nicht in Ordnung.“ Bienfait sei nicht altersgerecht entwickelt, der Kopf sei zu groß und er bewege sich kaum. Ein Besuch beim Arzt war so nicht einfach möglich, da das Kind keine Krankenversicherung hatte.

Es konnte kurzfristig dennoch eine ärztliche Behandlung organisiert werden – allerdings folgte dem eine schwerwiegende Fehldiagnose. Bei Bienfait sei eine Epilepsie festgestellt worden, entsprechende Medikamente führten zu heftigen Nebenwirkungen. „Über Nora Ludwig fanden wir einen Neuropädiater, der eine erste Diagnose per Video stellen konnte“, sagt Janine Frönd. Nach einigen weiteren Tests habe man herausgefunden, dass der kleine Junge an einer Hirnhautentzündung erkrankt gewesen sei.

Das Grundsystem erreicht nicht jeden

Fachärztemangel und fehlende gute Diagnose seien in Ruanda ein großes Problem. „Obwohl das Grundsystem im Gesundheitswesen dort gut ist“, sagt die Vorsitzende des Vereins „1000-Hügel“. Allerdings erreiche dieses System einfach nicht jeden.

Und genau das ist der Punkt, an dem der Verein mit seinem Projekt „Bienfait“ ansetzt. Denn eines der größten Probleme von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in den ländlichen Gebieten des afrikanischen Landes ist die mangelnde Mobilität. „Sie erreichen die Gesundheitseinrichtungen nicht“, sagt Frönd.

Diagnoseteam mit fünf Mitarbeitern

Deswegen wählt der Verein den umgekehrten Weg. Die „1000 Hügel“ beschäftigen für den Distrikt Karongi ein Diagnoseteam mit fünf Mitarbeitern. Darunter ein Arzt, eine Psychologin, ein Orthopädietechniker, ein Physiotherapeut und ein Koordinator. Sie können die Familien, die in Ruanda massiv stigmatisiert werden, in ihrer vertrauten Umgebung besuchen. Vor Ort können die Fachleute nicht nur diagnostizieren, sondern auch Hilfestellung geben. „Der Physiotherapeut schult beispielsweise die Eltern“, so Frönd. Die Psychologin wiederum biete Einzel- und Gruppentherapien an, um gegen die Stigmatisierung anzugehen. Und sie erzählt weiter: „Der Orthopädietechniker vermisst Stümpfe, wenn beispielsweise ein Bein amputiert werden musste.“ Entsprechende Prothesen würden dann in der Hauptstadt Kigali gefertigt. „Aber die müssen auch angepasst werden“, berichtet die Vorsitzende weiter, sodass regelmäßig ein Bus organisiert werden müsse, der Kinder und Eltern aus verschiedenen Dörfern in die Stadt fahre. Ein riesiger logistischer Aufwand. Allein die Fahrtzeit für einen Weg beziffert Frönd mit vier bis sechs Stunden.

Vier Projekte, ein Konto

Doch der Aufwand lohnt sich. Denn nur Prothesen, die richtig angepasst würden, würden auch getragen. Aber: Kinder wachsen. Und deswegen müssen sie regelmäßig nach Kigali gebracht werden, um die Prothesen anzupassen.

Geplant ist eine Orthopädiepraxis

Um aber diesen Aufwand etwas zu verringern, hat Janine Frönd schon ihren „next step“, wie sie sagt, vor Augen. Eine Filiale der Orthopädiepraxis im ländlichen Raum. „Aber das ist ein riesiges Investment“, ist sie sich im Klaren, könnte sich aber vorstellen, Unterstützung bei dem Kauf von Maschinen zu leisten oder Mietzahlungen zu übernehmen, um ein solches Unternehmen anzustoßen. „Es würden ja auch nicht nur unsere Patienten profitieren. Es würde allen helfen, die sonst keinen Zugang haben.“ Denn, und auch davon ist sie überzeugt, viele Behinderungen könnten verhindert werden, wenn frühestmöglich ein Zugang zum Gesundheitswesen geschaffen würde.

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