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Stadtentwicklung in Münster

Wolbecker Straße als Versuchskaninchen

Münster

Die Hörsterstraße war nur der Anfang des Verkehrsversuchs. Jetzt kommt die Wolbecker Straße an die Reihe, also eine wichtige Hauptverkehrsachse. Vom 17. bis 26. September wird sie völlig umgekrempelt .

Von Lukas Speckmann

Erst testen, dann planen: Zehn Tage lang wird die Wolbecker Straße zum Reallabor. Dann gilt Tempo 20, die Radfahrer müssen auf der Straße fahren und die Fläche von 25 Parkplätzen wird neu bespielt.  Foto: Oliver Werner

Die schönen gelben Schilder! Gerade erst hatte man sich an der Wolbecker Straße daran gewöhnt, dass „Radfahren auf der Straße erlaubt“ ist – und in zehn Tagen gilt es schon nicht mehr. Dann nämlich ist „Radfahren auf der Fahrbahn Pflicht“. Vielleicht werden die großen Tafeln überklebt. Die bisherigen Radwege jedenfalls werden als reine Fußwege ausgewiesen und damit für den Radverkehr unbrauchbar gemacht.

Die Straßenbenutzungspflicht für Radfahrer ist aber nur eine von zwei neuen Regeln, die vom 17. bis zum 26. September auf der Wolbecker Straße zwischen Eisenbahnbrücke und Hansaplatz gelten sollen. Die andere Regel heißt: Tempo 20. Tempo 30 ist nämlich zu schnell für eine Hauptstraße unter Laborbedingungen. Selbst die Radfahrer auf der Fahrbahn werden auf ihre Geschwindigkeit achten müssen.

Erster Versuch an wichtiger Einflugschneise

„Reallabor Wolbecker Straße“ heißt der neue städtische Verkehrsversuch, der auf das Pilotprojekt Hörsterstraße folgt, aber einen ganz anderen Stellenwert hat. Denn die Wolbecker Straße ist eine wichtige Einflugschneise mit vielen Bussen, Autos, Lieferwagen.

Motorisierte Verkehrsteilnehmer völlig ausschließen geht nicht; man möchte es ihnen allerdings so ungemütlich machen, dass sie – wenn möglich – den Wagen stehen lassen, den Bus nehmen, Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen.

Denn darum geht es der Aktion: dem motorisierten Verkehr Platz wegnehmen, um allen anderen mehr Raum und damit Lebensqualität zu geben. Zehn Tage lang wollen die Projektleute – Münster-Marketing, Planungsamt und Tiefbauamt werden von den Büros „Urban Catalyst“, „modulorbeat“ und „SHP Ingenieure“ unterstützt – an der Wolbecker Straße ausprobieren, was geht.

Kommentar: Münster schafft Platz

Und dabei mit Anliegern und allen dem Verkehrsthema Verbundenen möglichst angeregt ins Gespräch kommen. 25 Parkplätze werden in der Projektzeit entfallen: Vorschläge, was mit der Fläche geschehen soll, nimmt das Projektteam entgegen.

„Erlebnistage“, „Aktionstage“, „Diskussionstage“

Drei Phasen sind vorgesehen: drei „Erlebnistage“ vom 17. bis 19. September mit Zeichenworkshop, Spaziergängen durchs Viertel und Podiumsdiskussion, fünf „Aktionstage“ vom 20. bis 24. September, an denen die Wolbecker Straße umgestaltet wird, und schließlich zwei „Diskussionstage“ am 25. und 26. September, bei denen Bilanz gezogen wird.

Zur Diskussion gibt es ohnehin täglich Gelegenheit: Während der Projekttage steht ein Marktwagen an wechselnden Standorten. Hier gibt es täglich von 12 bis 14 Uhr etwas zu essen, und Mitglieder des Projektteams und der Stadtverwaltung halten sich gesprächsbereit. Im „Wolbecker Salon“ auf dem Rewe-Parkplatz gibt es alle wichtigen Informationen.

Erst testen, dann planen

Das „Reallabor Wolbecker Straße“ versteht sich als Experiment mit offenem Ausgang: „Erst testen, dann planen – ohne die unmittelbare Erfahrung funktioniert es nicht“, betont Oberbürgermeister Markus Lewe. An der Hörsterstraße habe es so funktioniert: Dort gebe es mittlerweile überwiegend positive Rückmeldungen.

Zu viel Platz für Autos in Münster

Die Stadt denkt seit Jahren über ihre Zukunft nach: „Gutes Morgen Münster“, „Münster Zukünfte 20/30/50“, Zukunftsspaziergänge, Zukunftsforen – jetzt kommt noch ein Motto hinzu. Es heißt „Stadt.Raum.Leben: Münster Mitte Machen“ und soll in zwei Jahren Ergebnisse liefern. Das „Real­labor Wolbecker Straße“ vom 17. bis 26. September ist der Auftakt. Das Programm wurde jetzt von der Stadtverwaltung vorgestellt.

Corona habe nicht den Anstoß gegeben, heißt es – aber die Pandemie habe die Entwicklung beschleunigt. In Zeiten von Onlineshopping und Homeoffice müsse eine Innenstadt viel mehr bieten als Handel, Gastronomie und Parkhäuser. „Wenn wir die Attraktivität Münsters steigern wollen, kann es nicht so bleiben“, meint Oberbürgermeister Markus Lewe. Die Stadt müsse so lebendig werden, dass sie auch kommende Generationen noch anspricht.

Tobias Viehoff von der „Initiative starke Innenstadt“ stimmt lebhaft zu: „Sonst wird Münster ein Museumsdorf.“ Es gehe um die Neubewertung von Stadtraum: Zu viel Fläche werde von parkenden oder fahrenden Autos besetzt. Einiges davon abzuzweigen, ohne das Oberzen­trum Münster von seinem Umland abzuschneiden, sei die Herausforderung.

Das müsse ausprobiert werden: Hörsterstraße, Bült und Wolbecker Straße sind schon im Topf, aber auch von Hammer Straße, Frauenstraße, Domplatz und weiteren Orten ist die Rede. Nutzungs- und Interessenskonflikte werde dabei es ebenso geben wie „Luftschlösser und Fehler“. Deshalb müssten die Anlieger mit ihren Vorschlägen und Bedenken von vornherein einbezogen werden, betont Stadtbaurat Robin Denstorff: „Das macht Planung viel einfacher.“

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