Mit Premiere aus dem Corona-Lockdown

Wolfgang-Borchert-Theater öffnet am Donnerstag wieder

Münster

Ohnmacht ist das Gefühl, das viele Menschen mit ddem Jahr 2020 und der Corona-Pandemie verbinden. Im Jahr 2021 ist es eher das Gefühl der Hoffnung. Beides ist Thema der Wiedereröffnungspremiere im Wolfgang-Borchert-Theater.

Gerhard H. Kock

Johannes Langer wird den Moses „Momo“ geben, der in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in bedrohlichen Zeiten ist. Foto: K. Lefebvre

Éric-Emmanuel Schmitt kannte 1999 die Corona-Pandemie nicht. Aber sein damals erdachter Held „Momo“ und die Welt in diesen Zeiten haben ein Gefühl gemeinsam: Ohnmacht. Zur Wiedereröffnung des Wolfgang-Borchert-Theaters (WBT) am Donnerstag inszeniert Chefdramaturgin Tanja Weidner Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ als tragikomischen Roadtrip und erstes Solo-Stück für Ensemble-Mitglied Johannes Langer.

Moses, der später von Ibrahim „Momo“ genannt wird, hat einen schweren Rucksack des Lebens zu tragen: Die Mutter verlässt ihn und den Vater. Der Vater hat seine Eltern im Holocaust verloren, behandelt seinen Sohn schlecht, nimmt sich aus Verzweiflung des Leben. Éric-Emmanuel Schmitt lässt in seiner Geschichte ein Wunder geschehen – im Rotlichtviertel. Dort gerät „Momo“ an den Kleinkrämer Ibrahim, der sich kümmert. Weidner: „Ibrahim versucht, dem Jungen einen Sinn zu geben. Aber Ibrahim missioniert nicht.“

Eine uralte Existenzfrage

Man muss nicht gleich Philosophie oder Theologie bemühen und die Theodizee-Frage stellen, wie Gott das Böse und die Grausamkeit zulassen kann. Dabei ist diese Frage archaisch alt. Weidner erinnert an das Alte Testament: Gott befiehlt darin Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Der Allmächtige lehrt Gottesfurcht. Weidner beklagt: „Niemand denkt an Isaak, wie er sich fühlt.“ Bei „Momo“ suchen Vater wie Mutter ihr eigenes Heil, ohne an ihren Sohn zu denken. Trotz einer bedrohlichen Welt gut leben – eine uralte Existenzfrage. Schmitt erzählt einen Weg.

Auf der Bühne wird neben Johannes Langer nur ein Container stehen, ein blecherner Stahlkasten gefüllt mit Devotionalien, Ikonen- und Heiligenbildchen. „Es ist das erste Mal, dass ich ein derart religiöses Bild für eine Inszenierung bemühe“, erläutert Weidner: „Der Bühnenbildnerin Annette Wolf und mir war es dabei wichtig, dass wir einen symbolischen Raum schaffen, keinen realistischen.“ Der Container soll Assoziationen wecken: an das Rolltor einfacher Läden in Paris, an Flucht in Schiffscontainern. Für Weidner schleppt Momo seinen persönlichen Opferaltar mit sich herum, mit den Dingen und Personen seines Lebens. Man könne Momo als Heimatlosen sehen. „Das alles bleibt aber in der Vieldeutigkeit.“

„Theater kein Freizeitbetrieb“

Entstanden ist die Inszenierung im vorigen Jahr. Bei den Proben während des Lockdowns im November und Dezember ist Weidner klar geworden: „Theater ist für mich kein Freizeitbetrieb des bürgerlichen Publikums. Theater ist der Ort, in dem unsere Seele fliegen lernt und Heimat findet.“ Damit die Schauspieler das Stück „gedanklich abschließen“ können, gab es eine „interne Premiere“ vor Weihnachten. Und nun nach mehr als vier Monaten „spontan“ wieder auf die Bühne? „Ja“, sagt Regisseurin Weidner: „Unsere Schauspieler können das.“ Grundsätzlich sei es so, dass es nach vier Wochen Pause noch mal eine Durchsprechprobe gebe. Angesichts der längeren Pause werde es wohl auch noch ein paar Endproben geben, also mit Technikern und allem Drum und Dran.

Die Premiere im Wolfgang-Borchert-Theater, Am Mittelhafen 10, ist am Donnerstag (20. Mai). Karten:  40019.

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