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Ersatz fürs Neujahrsritual

Zitterpartie: Vier Männer demonstrieren die Vorzüge des Winterschwimmens

Gegen Corona hilft es leider nicht. Doch sonst spricht viel für das Schwimmen im Winter. Draußen wohlgemerkt – im See, Fluss, Kanal oder Meer. Fragt sich nur: Muss das Wasser wirklich so kalt sein...?

Von Annegret Schwegmann

Vorbereitungen für ein Bad im Dortmund-Ems-Kanal. Foto: Gunnar A. Pier

Der Durchblutung soll es dienen. Hinterher jedenfalls. Angeblich schläft der Mensch auch besser, wenn er Stunden zuvor durch Wasser geschwommen ist, dessen Temperatur nur wenige Grade vom Gefrierpunkt trennen. Möglicherweise beugt das Winterschwimmen sogar einer depressiven Stimmung vor. Wissenschaftlich belegt ist das allerdings nicht.

Die vier Männer, die gerade ihre Jeans und Pullis gegen Badehosen getauscht haben und nun von ihrem Vereinsquartier im Bennohaus zum Dortmund-Ems-Kanal gehen, interessiert das allerdings in diesem Moment nicht. Ihnen ist kalt. Und gleich wird es noch schlimmer werden, wenn sie erst ihre Füße ins Wasser getunkt haben und dann mit dem ganzen Körper in den Kanal gesunken sind. Sieben Grad Wassertemperatur – das klingt harmloser, als es ist. Auf der gegenüberliegenden Seite bremst eine Radfahrerin, vermutlich weil sie sich nicht sicher ist, ob wahr sein kann, was sie da gerade am Dortmund-Ems-Kanal in Münster sieht. Wollen die wirklich gleich ins Wasser?

Einer schwimmt jeden Sonntag im Kanal

Nun ja, wollen... Thomas Schwaack, Eckhard Lechermann, Peter te Boekhorst und Jörg Lenz vom Verein Wasser + Freizeit Münster haben sich außerplanmäßig entschieden, ihren beiden Gästen zu zeigen, wie es ist, wenn sie an einem Tag im Dezember in den Kanal abtauchen. Ihr Neujahrsschwimmen lockt seit 2012 bis zu 200 Menschen mit eisigem Mut ins Wasser. Seit dem vergangenen Jahr pausieren sie jedoch. Ein Wasser-Event passt nicht zu Zeiten der Pandemie.

So ganz stimmt das allerdings nicht. Thomas Schwaack schwimmt seit März jeden Sonntag mit einigen Freundinnen und Freunden aus dem Verein im Kanal. „Normaler­weise allerdings im Neoprenanzug“, sagt der 52-Jährige und reibt sich mit energischem Gegendruck die Hände warm. Wunder der Wärme wirkt aber auch ein Anzug aus HighTech-Stoffen nicht. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt schwimmt Schwaack maximal einen Kilometer weit, bei 13, 14 Grad auch zwei Kilometer.

„Jeder Grad zählt“, erklärt er. Manche Menschen reizt gerade das. „Es gibt sogar 2-Grad-Clubs“, sagt Vereinsvorsitzender Ralf Pander. Zu diesen Clubs gehören die ganz hartgesottenen Winterschwimmer. Für Pander wäre das nichts. Einmal am Neujahrstag ins Wasser – das muss reichen.

Ein Stückchen Lebensgefühl

Weltweit geht das vielen Menschen so. In den Niederlanden beispielsweise gehört das zeitgleiche Zittern im Wasser seit den 1960er Jahren zum natürlichen Lebensgefühl dazu.

Starkes und lang anhaltendes Zittern ist allerdings gefährlich. Eckhard Lechermann hat das einmal erlebt. „Nach 20 Minuten musste man mich aus dem Wasser ziehen.“ Blau anlaufende Lippen sind ein untrüg­liches Signal. Noch bedenk­licher sei es, wenn „man langsam wegdämmert“, erklärt Ralf Pander. Kein Wunder, dass die Vereinsmitglieder lange diskutiert haben, ehe sie zum ersten Neujahrsschwimmen einluden.

Die vier Männer stehen mittlerweile nebeneinander und bereiten sich auf das kalte Nass vor. Julia Wiedemann, von Beruf Ärztin und an diesem Tag Begleiterin eines der Schwimmer, steht hinter den Männern und schildert, was gleich geschehen wird: „Von jetzt auf gleich ziehen sich die Gefäße zusammen und lassen weniger Blut durch.“ Die Konsequenz: Die Bewegungen verlangsamen sich. Und wer untrainiert den Kopf unter Wasser hält, muss damit rechnen, dass ihm kurz danach der Atem stockt.

Julia Wiedemann, Ärztin

Ein Gemeinschaftsritual für Exzentriker

Peter te Boekhorst legt das Handtuch ab, das er zuvor um seinen Hals gelegt hat, und lässt sich ins Wasser gleiten. Jörg Lenz und Eckhard Lechermann folgen ihm. Thomas Schwaack, der Profi der Runde, springt ohne Umschweife ins Wasser und schwimmt zum gegenüberliegenden Ufer, an dem mittlerweile mehrere Spaziergänger stehen geblieben sind. Die Männer unterhalten sich, plaudern so un­aufgeregt über die Gänse im Wasser, Schwimmstile und über das, was sie gerade fühlen, als ständen sie in wärmenden Winterjacken auf dem Gehweg. Schwaack beweist ­Sekunden später, dass Schmetterlingsschwimmen auch im Winter eine der effektivsten Methoden ist, rasch von einem Ufer zum anderen zu kommen. „So viel zum Thema ,Kopf unter Wasser’“, unkt te Boek­horst. Ein erfahrener Winterschwimmer wie Thomas Schwaack geht damit jedoch kein Risiko ein.

Minuten später stehen die Männer am Kanalufer. Die Kniescheiben des einen haben sich blau verfärbt, bei einem anderen schmerzt der kälteempfindliche Nacken. Im Vereinshaus erwartet sie eine warme Dusche. Heiß darf sie aber nicht sein: Zu warmes Wasser würde den Rest der Wärme aus ihren Körpern ziehen. Wie es war? „Es gibt Dinge, die mehr Spaß machen“, merkt te Boekhorst nüchtern an. Als exzentrisches Gemeinschaftsritual ist Winterschwimmen jedoch kaum zu übertreffen.

Gegen Corona hilft es leider nicht. Doch sonst spricht viel für das Schwimmen im Winter. Draußen wohlgemerkt – im See, Fluss, Kanal oder Meer. Fragt sich nur: Muss das Wasser wirklich so kalt sein...?

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