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Vorsitzender des Jugendamtselternbeirats Jens Taken im Interview

Zustände in Münsters Kitas: „Das ist wirklich krass“

Münster

Der aus Dorsten stammende und seit fast 20 Jahren in Münster lebende Jens Taken (40) ist Vorsitzender des Jugendamts­elternbeirats, der sich als Vertretung der Eltern in allen Fragen rund um das Thema Kita versteht. Unser Redakteur Björn Meyer sprach mit dem Vater von zwei Kita-Kindern über fehlende Plätze, Fachkräftemangel im ­Erzieherberuf, kostenlose Be­treu­ung und seltsame Essensregelungen.

Björn Meyer

Dr. Jens Taken arbeitet im Schloss in der Verwaltung der Westfälischen Wilhelms-Universität und ist zudem Vorsitzender des Jugendamts­elternbeirats. Foto: Björn Meyer

Wenn man in Münster über das Thema Kita spricht, geht es meist um Kritik. Zu wenige Plätze, zu hohe Elternbeiträge, intransparente Vergabe – was läuft denn hier eigentlich richtig gut?

Taken: Wir haben in Münster ein sehr hohes Niveau, was Kita-Betreuung angeht. Sowohl qualitativ als auch quantitativ. Es gibt in Münster allerdings sowohl den Wunsch als auch den Zwang vieler Paare, nicht zuletzt durch die hohen Immobilienpreise in der Stadt, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Deshalb reicht das eigentlich hohe Betreuungsangebot der Stadt nicht aus. Dabei haben wir, nachdem man den Beginn verschlafen hat, mittlerweile einen rasanten Ausbau an Betreuungsangeboten sowie eine Vielzahl an Trägern, was ebenfalls sehr positiv ist. Und was wir in Münster auch haben: Eine positive Grundeinstellung von Jugendamt, Politik und anderen Entscheidungsträgern zu Betreuungsfragen. Das hören wir aus anderen Kommunen auch mal anders.

Und was läuft nicht rund?

Taken: Die grundsätzlichen Problematiken sind ja bekannt. Münster hat vor allem im Bereich des Zen­trums einen eklatanten Mangel an Räumen für Betreuung. Daher setzt die Stadt hier vermehrt auf Kindertagespflege-Einrichtungen. Platz für zusätzliche Kitas zu finden, ist dagegen im Zentrum fast schon unmöglich.

Ist die U3-Betreuung durch Tagesmütter und -väter als gleichwertig zu der in Kindertageseinrichtungen anzusehen oder handelt es sich um eine Notlösung?

Taken: Ich sehe das als sinnvolle Ergänzung des Angebots. Es gibt durchaus Eltern, die sich bewusst für eine Tagesmutter entscheiden. Es ist also keine Notlösung. Ob das allerdings bei Wahlfreiheit auch in dem bestehenden Umfang nachgefragt würde, ist eine andere Frage. Immerhin reden wir für Münster über ein Drittel der U3-Betreuung.

Wann ist denn davon auszugehen, dass Eltern diese Wahlfreiheit haben, also der Bedarf an Plätzen zumindest gedeckt ist?

Taken: Ich gehe nicht davon aus, dass das dieses, nächstes oder übernächstes Jahr sein wird. Vielleicht irgendwann in den 20ern, auch wenn Frau Pohl (Anm. d. Red.: Leiterin Jugendamt) das sicherlich positiver sieht. Ich sehe aber, dass die Bemühungen in die Richtung gehen und der Wille da ist.

Ein weiteres Thema bei vielen Kitas ist fehlendes Personal.

Taken: Wir bekommen das nur mit, wenn es gerade richtig schlimm ist. Und wir hören da durchaus Beispiele, wo das über einen längeren Zeitraum so ist. Kitas, bei denen der Notbetrieb plötzlich über Monate oder sogar ein Jahr zum Normalbetrieb wird. Manche Träger tauchen häufiger in diesem Zusammenhang auf als andere, was natürlich auch mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängt. Denn klar ist: Durch den Mangel an Fachkräften entsteht für die Träger ein starker Wettbewerb. Außerdem ist gerade bei neuen Einrichtungen die Fluktuation hoch. Man sagt, es dauert drei Jahre, bis bei einer neuen Kita der Laden richtig läuft.

Die Landesregierung hat ein zweites beitragsfreies Jahr für Eltern angekündigt. Ist das der große Wurf oder müssten Kitas komplett kostenlos sein?

Taken: Darüber gibt es auch bei den Eltern geteilte Meinungen. Es gibt einige Eltern, die eine gerechte, einkommensabhängige Staffelung für richtig halten.

Ist die derzeitige Staffelung denn gerecht?

Taken: Die Frage ist, wo ich da stehe. Die relativ weiten Einkommensblöcke bieten eine breite Spannweite, in der man sich finanziell verändern kann, ohne dass etwas passiert. Sobald man aber über die Grenze kommt, ist der Schritt sehr groß. Es gibt diverse Fälle, die uns zu Ohren gekommen sind, bei denen Leute plötzlich geringfügig mehr verdienen und dadurch einen höheren Kita-Beitrag bezahlen und dann weniger Geld haben als vorher. Bei kleineren Schritten hätte man diese Grenzen wiederum häufiger.

Warum macht man überhaupt Schritte? Wären Gebühren prozentual abhängig vom Einkommen nicht gerechter?

Taken: Das wäre sicherlich gerechter. Ich weiß nicht, warum die Stadt das nicht macht. Hinzu kommt noch die Höhe der Elternbeiträge. Warum der Unterschied zwischen den Kommunen oft mehrere Hundert Prozent ist, das ist nicht nachvollziehbar. Höhere Mieten allein können das nicht begründen.

Ist Ernährung eigentlich ein Thema bei den Eltern?

Taken: Ein immer wiederkehrendes, ja. Die Idealvorstellung vieler Eltern ist sicherlich, dass in den Kitas gekocht wird. Das aber können sich die allerwenigsten Einrichtungen leisten. Das hat auch mit dem riesigen Dokumentationsaufwand zu tun, den man dafür betreiben muss. Der Regelfall ist daher Catering. Eine größere Diskussion gab es zuletzt über die Verwaltung des Mittagessens. Vor allem ein Träger (Anm. der Red.: die katholische Kirche) ist dazu übergegangen, das Ordern des Essens auf die Eltern zu übertragen. Jede Familie hat ein Konto und muss für sein Kind im Voraus Mittagessen buchen. Wenn das verpasst wird oder das Guthabenkonto mal wieder leer ist, dann ist nix mit Mittagessen. Das sehen wir aus Elternsicht sehr kritisch.

Warum?

Taken: Die Einführung kam sehr schnell und ohne Mitsprache der Eltern, dabei definiert das Kinderbildungsgesetz, dass Dinge mit finanziellen Auswirkungen, und die gibt es in diesem Fall, unter Mitsprache und mit Zustimmung der Elternvertreter eingeführt werden müssen. Dazu gab es zu Beginn sehr unterschiedliche Vorgehensweisen der Kitas in Fällen, in denen Eltern das vergessen hatten. Bis hin dazu, dass Kitas die Eltern angerufen haben, sie müssten ihr Kind abholen. Das ist wirklich krass, denn das ist ein Verstoß gegen den Vertrag, den man mit der Kita hat. Wir hoffen, dass das nach Gesprächen mit dem Träger nicht mehr passiert.

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