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Interview

ADAC-Verkehrsexperte über den negativen Staurekord in NRW

Münster

Stau nervt: Laut einer aktuellen ADAC-Statistik standen Autofahrer im vergangenen Jahr sogar noch länger im Stau als in den Jahren zuvor. Unrühmlicher Spitzenreiter bei den Bundesländern ist ausgerechnet das Land Nordrhein-Westfalen. Unser Redaktionsmitglied Carsten Vogel hat mit Dr. Peter Meintz vom ADAC Westfalen über Gründe und Lösungsansätze gesprochen.

Carsten Vogel

Stau auf den Autobahnen: Leidgeprüfte Pendler trifft es jeden Morgen, und auch Tausende Urlauber müssen immer wieder tapfer sein. Foto: dpa

Richtig überraschend ist die Nachricht, dass es immer mehr Staus gibt, nicht. Die Zunahme des Verkehrs kann doch nicht als einziger Grund herhalten, oder?

Peter Meintz: Es gibt keine monokausalen Begründungen für Staus. Wir blicken auf einen Prozess der vergangenen 20 bis 30 Jahren zurück, in dem der Verkehr stetig angewachsen ist. Und zwar in einem Maße, in dem die Straßen nicht mitgewachsen sind. Aus dieser Verdichtung resultieren Störungen. Weitere Faktoren sind Baustellen, weil immer mehr repariert werden muss. Aber auch Pflegearbeiten, Pannen, Unfälle, das Wetter und falsches Verhalten der Autofahrer gehören natürlich dazu.

Es ist ja überall zu lesen, dass Autobahnen erweitert werden. Was einerseits gut ist, führt andererseits zu neuen Baustellen. Ist das nicht ein Teufelskreis?

Meintz: Eher ein Kreis der Hoffnung: Ohne Baustellen kommen Sie nicht weit. Ein schönes Beispiel ist die A 2, die das Münsterland an zwei Stellen tangiert. Seitdem sie durchgehend auf sechs Spuren ausgebaut ist, sind die Staus erheblich reduziert worden. Bei der A 1 wird sich das auch noch bessern, aber das dauert noch. Gerade wegen der maroden Brücke bei Leverkusen und des stauanfälligen Autobahnkreuzes Dortmund-Unna. Und wenn eine Autobahn zwei solche neuralgischen Punkte hat, dann geht die Stauhäufigkeit hoch. Gleiches gilt für die A 43, die unter einer Baustelle leidet. Aber in drei oder vier Jahren, wird sie viel von ihrem Stau-Schrecken eingebüßt haben.

Auf der A1 staut es sich aber auch schon zwischen Münster-Nord und Münster-Süd.

Meintz: Weil nur dieser Teil auf jeweils drei Streifen ausgebaut ist. Davor gibt es sowohl im Norden als auch Richtung Süden eine zweistreifige Verkehrsführung. Hier sind die Rückstaus aber kein generelles Problem, sondern nur zu Rush-Hour-Zeiten. Anders als beim Autobahnkreuz Dortmund-Unna, das auch für Münsteraner wichtig ist. Da sind die Verkehrsmengen zu hoch für den baulichen Zustand des Kreuzes. Solche Brennpunkte müssen nachgebessert werden.

Das nächste Problem ist dann, dass viele Autofahrer die Stoßzeiten kennen und deshalb auf Bundes- und Landstraßen ausweichen und diese dann verstopfen.

Meintz: Die Verkehrsmengenzunahme betrifft ja nicht nur Autobahnen, sondern auch das untergeordnete Netz. Das ist ein flächendeckendes Problem, denn auch in kleineren und mittelgroßen Städten im Münsterland laufen die Straßen zu Stoßzeiten voll. Das wird man gar nicht beheben können, außer in Einzelfällen vielleicht durch eine Umgehungsstraße. Rund um die Uhr staufreie Strecken wird man weder auf dem Land noch in der Stadt haben. Es wird auch weiterhin ein Wachstum sowohl für den Lkw- als auch für den Pkw-Verkehr prognostiziert.

Dr. Peter Meintz Foto: ADAC

Was könnte denn die Politik tun? Benzinpreise erhöhen und öffentliche Verkehrsmittel begünstigen?

Meintz: Natürlich könnte man dem Geschehen in Teilen Herr werden, indem man das Autofahren erschwert. Das hat aber weder politische Mehrheiten, noch ist es wirtschaftlich sinnvoll. Ein Auto ist zwei Mal fünf Meter groß: Für die Platzprobleme spielt es keine Rolle, ob es mit Elektro- oder Verbrennungsmotor ausgestattet ist. Auch der öffentliche Nahverkehr ist nicht für alle Menschen eine Lösung.

Wenn sowohl der ADAC als auch lokale/regionale Medien vor Feiertagen auf eine erhöhte Staugefahr hinweisen, wie kann es dann sein, dass der 24. Mai – also Christi Himmelfahrt – der staureichste Tag war?

Meintz: Es ist den Meisten schlichtweg egal. Sie haben ein höherrangiges Ziel, die wollen in die Ferien. Und dieser Anlass ist wichtiger als die Bedrohung durch Staus. Man ergibt sich in sein Schicksal.

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Welche konkreten Tipps können Sie denn Autofahrern geben?

Meintz: Es gibt ein paar Ratschläge. Bevor man losfährt, sollte man sich informieren, auf welchen Strecken was los ist und gegebenenfalls auf Alternativen ausweichen. Und ist man in einen Stau unter zehn oder zwölf Kilometer länge geraten, ergibt es keinen Sinn von der Autobahn herunterzufahren. Psychisch mag es ein Vorteil sein, weil man rollt, aber in der Regel sind die Ausweichrouten ebenso voll. Das Herunterfahren lohnt nur bei einer Vollsperrung oder wenn mitgeteilt wird, dass man den Stau besser umfahren sollte. Ansonsten bringt es keinen wirklichen Zeitgewinn.

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