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Verfolgungsjagd

Anklage nach Flucht durch die Coesfelder Innenstadt

Coesfeld/Münster

Die Staatsanwaltschaft Münster hat gegen einen 29-Jährigen aus Coesfeld Anklage erhoben: Ihm werden eine Vielzahl von Vergehen vorgeworfen - unter anderem versuchter Mord. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd im Juli 2020 durch die Coesfelder Innenstadt konnte der Mann nach seiner zunächst erfolgreichen Flucht später festgenommen werden.

Eine Spur der Verwüstung hinterließ der 29-Jährige nach seiner Flucht. Foto: Fritz Rulle

Dem 29-Jährigen Angeschuldigten wird angeklagt wegen des Verdachts des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung, der Urkundenfälschung, der Gefährdung des Straßenverkehrs, des verbotenen Kraftfahrzeugrennens durch verkehrswidrige Geschwindigkeitsüberhöhung, des unerlaubten Entfernens vom Unfallort, des Fahrens ohne Fahrerlaubnis sowie wegen Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz erhoben.

Die Anklageschrift betrifft ein Ereignis in der Innenstadt von Coesfeld am 17. Juli 2020: Am Frühabend dieses Tages soll sich der Angeschuldigte als Fahrer eines nicht zugelassenen Autos, an dem sich zuvor - von einer bislang nicht ermittelten Person - entwendete amtliche Kennzeichen eines anderen Fahrzeugs befanden, einer Polizeikontrolle durch Flucht entzogen haben. Bei der Verfolgungsfahrt soll der Angeschuldigte durch seine Fahrweise mehrere Passanten gefährdet und verletzt haben. Nach Bewertung der Staatsanwaltschaft ist es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass hierbei niemand tödlich verletzt wurde.

Flucht vor Polizeikontrolle 

Ausgangspunkt für die Flucht war laut der Ermittlungen eine Kontrolle des 29-Jährigen durch die Besatzung eines Streifenwagens der Coesfelder Polizei. Den Beamten war aufgefallen, dass der Coesfelder den Sicherheitsgurt nicht angelegt hatte. Er soll das Haltesignal der hinter ihm fahrenden Polizei missachtet und sich dazu entschlossen haben, sich der Kontrolle zu entziehen. Er soll nach kurzer Zeit mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit (zwischen 80-100 km/h) in die Fußgängerzone eingefahren sein, ohne den Streifenwagen abschütteln zu können.

Der Angeschuldigte soll dann in eine enge Gasse eingebogen sein, in der sich eine Gaststätte mit Außenbestuhlung befindet: Die Durchfahrtsbreite betrug an dieser Stelle zirka 1,90 Meter, der Fluchtwagen nach Bewertung der Staatsanwaltschaft ist 1,69 Meter breit. Der Angeschuldigte soll diese Fahrstrecke bewusst gewählt haben, um dem breiteren Polizeifahrzeug eine Verfolgung unmöglich zu machen.

Gefährliches Fahrmanöver

Der Angeschuldigte soll nun mit höchstmöglicher Geschwindigkeit durch eine Gruppe von mit zahlreichen Gästen besetzten Tische gefahren sein, obwohl seine Sichtmöglichkeiten unter anderem durch Pflanzkübel neben den Tischen deutlich eingeschränkt gewesen ist. Das Fahrzeug kollidierte mit einem dieser Kübel, der eine Frau am Knie traf. Zwei weitere Frauen wurden durch ein umherfliegendes Kübelteil beziehungsweise einen weiteren Gegenstand am Arm und im Bereich des Beckens getroffen. Nachdem das Auto gegen einen Tisch geprallt und dieser gegen einen Frau geschoben wurde, erlitt diese ebenfalls eine Beckenprellung. Andere Gäste erlitten durch umherfliegende Glassplitter leichte Verletzungen.

Bei dieser Fahrt durch den schmalen Bereich soll der Angeschuldigte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in Kauf genommen haben, Passanten, Besucher oder Angestellten der Gastronomie, die jeweils unvermittelt die Straße hätten betreten oder von einem Tisch hätten aufstehen können, bei einer Kollision mit dem Fahrzeug tödlich zu verletzen.

Die Polizeibeamten konnten dem flüchtigen Autofahrer nicht weiter folgen. Der Angeschuldigte soll unterdessen gleichwohl mit unverändert hoher Geschwindigkeit weitergefahren sein und mit seinem Fahrzeug zwei abgestellte Autos beschädigt haben.

Mit weiterhin hoher Geschwindigkeit soll er Angeschuldigte nachfolgend ausgangs einer scharfen Kurve mit derart hohem Tempo gefahren sein, dass sein Fahrzeug seitlich ausgebrochen sein soll und sich ein 14-jähriger Jugendlicher nur durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen konnte. Der 29-Jährige soll abschließend mit zwei auf dem Parkplatz abgestellten Fahrzeugen kollidiert sein, ehe er das Fahrzeug auf einem Parkplatz ab Burgring abgestellt haben soll.

Festnahme eine Woche später

Nach diesen angeklagten Ereignissen war der Angeschuldigte über eine Woche lang flüchtig, ehe er am 25. Juli 2020 in Münster aufgrund eines zuvor erwirkten Haftbefehls und einer Öffentlichkeitsfahndung festgenommen werden konnte.

Über eine Fahrerlaubnis verfügte der Coesfelder nicht. Insgesamt entstand ein Sachschaden von rund 18.000 Euro.

Das konkrete Motiv für das vorgeworfene Fahrverhalten ist bislang nicht geklärt. Der Angeschuldigte hat sich lediglich dahingehend geäußert, dass die Polizeibeamten für seine Flucht verantwortlich gewesen seien, da diese ihn  nicht mit Blaulicht und Martinshorn hätten verfolgen dürfen. Weitere Angaben - insbesondere zu den Beweggründen für das angeklagte Fahrverhalten - hat er nicht getätigt.

Das Landgericht Münster hat über die Zulassung der Anklageschrift zu entscheiden.

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