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Landgericht Münster

Autofahrerin muss nach tödlicher Amokfahrt in psychiatrische Klinik

Lienen/Münster

Sie tötete mit Vorsatz, aber ohne Schuld: Am Freitag endete vor dem Landgericht in Münster das Verfahren gegen eine 44-jährige Frau aus Lengerich, die im September 2020 Fahrradfahrer umgefahren hatte. Das Gericht ordnete die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an.

Gunnar A. Pier

Bei der Amokfahrt einer 44-jährigen Lengericherin wurden am 27. September 2020 mehrere Menschen verletzt und einer getötet. Am Freitag endete der Prozess vor dem Landgericht. Christiane B. wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Foto: Gunnar A. Pier, dpa

Am 27. September 2020 brach alles aus ihr heraus. Christiane B. (44) aus Lengerich setzte sich in ihr Auto und startete zu einer etwa 20-minütigen Amokfahrt durch Lengerich und Lienen. Am Ende gab es einen Toten und mehrere Verletzte. Die Tat, entschied nun das Landgericht, ist der Frau nicht vorzuwerfen, da sie wegen einer akuten paranoiden Schizophrenie nicht in der Lage gewesen sei, das Unrecht zu erkennen. Folgen für ihr Leben hat der Tag dennoch: Die 2. Große Strafkammer ordnete am Freitag die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an, um die Allgemeinheit vor zu erwartenden weiteren Taten zu schützen.

Der Tag der Taten hat eine lange Vorgeschichte, die das Gericht an den sechs Verhandlungstagen ebenso ergründete wie die Geschehnisse am 27. September selbst. Dabei kam heraus, dass die Frau zumindest seit 2002 unter einer schweren schizophrenen Psychose leidet. Sie erleidet krankhafte Schübe mit Halluzinationen, Panikattacken und Wahnvorstellungen. „Ich dachte, es gibt böse Menschen, die haben es verdient zu sterben. Und es gibt gute Menschen, denen erspare ich die Qual des in wenigen Augenblicken eintretenden Weltuntergangs“, hatte sie zu Prozessauftakt beschrieben.

Stationäre Behandlungen abgebrochen

Über all die Jahre war sie immer wieder in stationärer Behandlung. Doch häufig brach sie ab, getrieben von Misstrauen gegen die Kliniken. Die verordneten Medikamente nahm sie nicht verlässlich ein, obwohl sie offenbar halfen. Christiane B. fürchtete die Veränderung ihrer Persönlichkeit.

Im Jahr 2020 wurde ihr Zustand offenbar schlechter. Einer der Gründe war demnach das Ende einer Beziehung. An jenem Septemberwochenende kamen Konflikte in der Familie dazu.

Mundschutz und Plexiglasabsperrungen: Coronaschutzmaßnahmen prägen auch den Alltag im Landgericht. Foto: Gunnar A. Pier

Am Sonntag rastete sie aus.

Die Amokfahrt

Gegen 9.30 Uhr raste sie mit dem Auto los. Als sie am Straßenrand ein Ehepaar auf zwei E-Bikes sah, rammte sie erst den Mann. Der stürzte zunächst nicht, Christiane B. setzte noch einmal an und fuhr ihn um, danach fuhr sie seine Ehefrau an, die auf Motorhaube und Windschutzscheibe knallte und an den Straßenrand geschleudert wurde.

Nach einer Irrfahrt über ein Privatgrundstück, bei der sie zwei Zäune durchbrach, kamen der Autofahrerin drei Rennradfahrer entgegen. Sie fuhr frontal auf die Männer zu. Zwei wichen aus, mit dem dritten Mann kollidierte sie, wie der Staatsanwalt es formulierte, „bewusst frontal und ungebremst“ mit Tempo 109. Der 47-Jährige starb noch an der Unfallstelle. Die Amokfahrt endete vor einem Baum.

Es war Absicht

„Es war die Absicht, diese Menschen zu töten“, stellte der Staatsanwalt klar.

Dennoch: „Wir sitzen heute nicht zusammen, um jemanden zu bestrafen.“ Die psychotische Störung der Fahrerin sei so ausgeprägt, „dass sie nicht in der Lage war, das Unrecht der Taten einzusehen.“ Sie habe Schlechtes als gut empfunden – „die Taten sind Ausfluss der Krankheit.“

Der Maßregelvollzug sei „wahrscheinlich der richtige Weg“, erklärte die Angeklagte (hier im Gespräch mit ihrer Verteidigerin). Foto: Gunnar A. Pier

Christiane B. gilt als Gefahr für die Allgemeinheit

Und ähnliches kann jederzeit wieder geschehen, waren sich die Prozessbeteiligten einig. Christiane B. gilt als Gefahr für die Allgemeinheit – nicht zuletzt, weil sie die helfenden Medikamente zu häufig verweigere. Deshalb wurde sie am Freitag in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Eine Maßnahme, die die Angeklagte offensichtlich begrüßte – doch sie fürchtete, dort vergessen zu werden. Richterin und Staatsanwalt beruhigten sie: „Niemand vergisst Sie dort, das verspreche ich Ihnen.“

Christiane B. verfolgte die Ausführungen nahezu regungslos. Zum Abschluss bedankte sie sich für den „fairen Prozess. Ich habe mich verstanden gefühlt.“ Der Maßregelvollzug sei „wahrscheinlich der richtige Weg“.

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