1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Katholische Kirche: 2021 Rekord bei Kirchenaustritten

  6. >

Bistum Münster

Katholische Kirche: 2021 Rekord bei Kirchenaustritten

Münsterland

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Bistum Münster auf einem historischen Höchststand. Bischof Genn nennt Gründe. Hier der Blick in die Kreisdekanate für das Jahr 2021.

Von Marion Fenner und Ralf Repöhler

Der Paulus-Dom in Münster. Foto: picture alliance/dpa | Bernd Thissen

2815 Menschen haben der katholischen Kirche im Kreis Steinfurt im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Steinfurts Kreisdechant Dr. Jochen Reidegeld pocht angesichts der am Montag veröffentlichten Kirchenstatistik auf dringend notwendige Veränderungen. „Die erneut gestiegenen Austrittszahlen machen deutlich, dass wir viele Menschen ganz offensichtlich nicht mehr erreichen“, sagt Reidegeld. Sie seien enttäuscht von den Skandalen und Diskussionen. „An vielen Stellen gibt es über den Zustand unserer Kirche sicher nichts schönzureden“, erklärt Reidegeld weiter. Auch das, was die Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität zum Thema sexualisierte Gewalt ans Licht gebracht hat, sei niederschmetternd. 2020 sind im Kreis Steinfurt 1702 Personen ausgetreten.

Ähnlich äußert sich Münsters Stadtdechant Jörg Hagemann. Die hohen Austrittszahlen – in Münster waren es 2021 insgesamt 3214 Personen, 1497 mehr als im Vorjahr – machten deutlich, dass viele Menschen von der katholischen Kirche enttäuscht seien und keine Erwartungen an die Kirche mehr hätten. Auch wenn ­Hagemann nachvollziehen könne, dass es „gute Gründe gibt, die Kirche zu verlassen“, appelliert er dazu, zu bleiben, um zu verändern.

Bischof Felix Genn will Veränderungen

Bischof Felix Genn sagt angesichts der Zahlen: „Insgesamt müssen wir als kirchliche Verantwortungsträger – und da schließe ich mich selbst ausdrücklich ein – Kirche in dieser Haltung leben: zugewandt, veränderungsbereit, lebendig, vielfältig, offen, dialogorientiert, im Dienst an den Menschen stehend, Gewalt, Unrecht und sexuellen Missbrauch bekämpfend.“ Genn sei bewusst, dass Verantwortungsträger es vielen Christen oft schwer gemacht hätten. Das müsse sich ändern.

"Viele von der Kirche enttäuscht"

Auch im Kreis Coesfeld erreicht im vergangenen Jahr die Zahl der Kirchenaustritte einen historischen Höchststand. 2109 Menschen und damit über 1000 mehr als im Jahr zuvor haben ihren Austritt aus der Kirche erklärt. „Die Kirchenaustritte sind erschreckend und machen deutlich, wie viele Menschen von der Kirche enttäuscht sind und daraus ihre persönliche Konsequenz ziehen“, sagt Kreisdechant Johannes Arntz. Die Kirche werde es schwer haben, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen. „Dafür sind transparente Entscheidungen und wirkliche Reformen notwendig.“

Video in Kooperation mit dem WDR:

Im Kreisdekanat Warendorf haben 2135 Katholiken ihren Austritt erklärt, 895 mehr als im Jahr zuvor. „Das, was viele engagierte Christinnen und Christen nur noch als übermächtige Institution, als erdrückende Struktur, als Amtskirche bezeichnen und wahrnehmen und erfahren, muss sich verändern“, betont Bischof Genn. Viele von denen, die in der Kirche Verantwortung tragen, müssten jetzt ihre Haltung und ihr Verhalten ändern.

Im Kreis Borken waren es 2973 Menschen, die nicht mehr der katholischen Kirche angehören wollen. 2021 hatten 1584 Personen dort ihren Austritt erklärt. Bischof Genn dankt dennoch ausdrücklich denen, die sich weiterhin aus tiefem Glauben in der Kirche engagierten und nicht wie viele andere sagten: „Mir reicht’s. Ich gehe.“

Am Amtsgericht Münster gab es in den vergangenen Monaten kaum Termine, um aus der Kirche austreten zu können. So groß war die Nachfrage. 400 Menschen wollten im Monat austreten, was die Kirchenaustrittsstellen in Münster kaum noch bewältigen konnten. Die quartalsweise freigeschalteten Termine am Amtsgericht seien innerhalb weniger Tage ausgebucht, teilte ein Sprecher mit.

Auch viele Austritte aus evangelischer Kirche

Die Amtsgerichte unterscheiden nicht zwischen katholischer und evangelischer Konfessionszugehörigkeit. Erfahrungen früherer Jahre legen den Schluss nahe, dass die Konfessionen gleichermaßen betroffen seien.

Lange Wartezeiten bei Amtsgerichten

Kirchenaustritte können nicht spontan erfolgen, sondern dafür benötigt man einen Termin beim zuständigen Amtsgericht. Bei zahlreichen Amtsgerichten, wie zum Beispiel in Münster, waren diese Termine zuletzt nur nach längeren Wartezeiten zu bekommen.

Trend zum Kirchenaustritt

Der Trend zum Kirchaustritt werde sich nach Meinung des münsterischen Rechtssoziologen Detlef Pollack weiter beschleunigen, weil eine Kirchenmitgliedschaft immer stärker einer Rechtfertigung bedürfe. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte Pollack, dass Kirchen wenig tun könnten, um den Trend aufzuhalten. „Wer weg ist, den kriegt man kaum wieder.“

Startseite
ANZEIGE