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Reportage

Brainwalking - Impulse für das Gehirn

Mettingen

Das Denkvermögen lässt sich wunderbar im Gehen schulen. Deshalb bietet Gedächtnistrainerin Marita Wielage-Bücker nahe Mettingen spezielle Wanderungen, die gespickt sind mit kleinen Übungen. So lernen die Teilnehmer Techniken, wie sie ihr Gehirn auf Trab bringen können. „Brainwalking“, nennt sich dieses Angebot.

Annegret Schwegmann

Spaß am Fingertraining:Frauen spazieren mit Marita Wielage-Bücker durch Mettingen und trainieren die neue Übung. Foto: Gunnar A. Pier

Ganz schön clever, mit einer scheinbar banalen Geschicklichkeitsübung zu beginnen. Marita Wielage-Bücker legt jeder Teilnehmerin einen knautschigen Ball mit Noppen in die Hände, bewegt den sogenannten Igelball um den Körper und führt ihn in einem anderen Winkel wieder zurück. „Schon ein bisschen wie Kindergeburtstag, oder?“, raunt eine Frau einer anderen zu und ahmt wunschgemäß die Bewegungen der Gedächtnistrainerin nach.

Und weil das Raunen trotz gesenkter Stimme hörbar war, erklärt Marita Wielage-Bücker schon ein bisschen früher, über welches Wunderwerk wir mit unseren Händen verfügen. Ein Werkzeug mit über 17.000 Rezeptoren, die jeden Druck, und sei er noch so schwach, erspüren und das Gehirn mit Informationen speisen, nach denen es immer hungert.

Schwer zu knackende Nüsse

Die meisten Teilnehmerinnen sind beeindruckt. Und sollte sich unter ihnen noch jemand befinden, der sich fragt, wann es denn so richtig anspruchsvoll wird bei diesem Brainwalking, dem sei gesagt: Da kommt noch so manche schwer zu knackende Nuss auf ihn zu. Oder weiß etwa jeder auf Anhieb, welches Märchen sich hinter dieser Information verbirgt: „Volksbefragung verhindert Beschlagnahme eines Babys“?

Lernfähigkeit des Menschen im Gehen erheblich erhöht

Brainwalking? Die Gedächtnistrainerin aus Mettingen erklärt immer wieder gern, weshalb – wie Forscher der Uni Erlangen ermittelt haben – die Lernfähigkeit des Menschen im Gehen erheblich erhöht wird. Das Gehirn braucht Sauerstoff, um arbeiten zu können. Und wer denkt und knobelt und sich gleichzeitig bewegt, aktiviert all seine Sinne – und macht das Gehirn glücklich. Denn das braucht immer wieder neue Informationen, um fit und geistig geschmeidig zu bleiben.

Marita Wielage-Bücker Foto: Gunnar A. Pier

Betriebsausflüge, Kindergeburtstage, Freundeskreise

Marita Wielage-Bücker bietet das Brainwalking seit Jahren wechselnden Gruppen an. Einige Aufgaben und Übungen hat sie von der Gesellschaft für Gehirntraining übernommen, andere abstrahiert oder neu entwickelt. Freundeskreise buchen ihre geführten Wanderungen, Unternehmen schätzen sie als die etwas andere Art von Betriebsausflügen, und manche Eltern nutzen das Brainwalking für einen ganz besonderen Kindergeburtstag. „Die Kinder bekommen natürlich andere Aufgaben“, sagt die 54-Jährige. Ätherische Öle nach einer Geruchsprobe an Duftstäbchen erraten und Detailansichten von Stadtplänen dem richtigen Ort zuordnen – das wäre kaum kindgerecht.

Der Kletterfinger

Die Mettingerin präsentiert ihrer Gruppe mittlerweile den Kletterfinger, ihre Lieblingsübung, wie sie erklärt. „Mit dem Kletterfinger wird das Hirn bis zu 30 Prozent besser durchblutet“, erklärt sie und legt erst die Kuppe des rechten Daumens auf die des linken Zeigefingers, dreht die Finger nach oben und führt nun die Kuppen des linken Daumens und des rechten Zeigefingers zusammen. All das im Wechsel, erst langsam und dann immer schneller. „Das ist eine Aufgabe, die sich für viele Situationen eignet.“ Schülern empfiehlt sie den Kletterfinger vor Klassenarbeiten und prophezeit folgenden Effekt: „Der Druck ist weg, und die Erinnerung fällt leichter.“

Die US-Präsidenten merken

Bei einer der nächsten Übungen schauen Passanten in der Regel latent beunruhigt auf die Gruppen der Trainerin, die sich in diesem Moment sonderbar bewegen. Erst die Füße berühren – oder es zumindest versuchen –, dann um die Knie streichen, später die Hosentasche von innen nach außen ziehen und nach einer Weile die Kopfhaut tätscheln – all das wirkt tatsächlich recht ungewöhnlich, scheint aber Spaß zu machen. Lachend prägen sich die Teilnehmer dabei die Namen amerikanischer Präsidenten ein. „Wir stellen uns vor, wir hätten Eisenplatten an den Füßen“, beginnt die Mettingerin. Eisenplatten? Alles klar, Eisenhower. „Fragt das linke das rechte Knie: Kenn i di?“ Ah ja, gemeint ist Kennedy. „Nix drin in der Hosentasche?“ Okay, wir haben es mit Nixon zu tun.

Die Gedächtnistrainerin setzt die Hände während des Brainwalkings häufig ein – für Bewegungen mit dem Igelball beispielsweise. Foto: Gunnar A. Pier

Ein Selbsttest

Das folgende Gedicht ist nicht einfach zu lesen. Es fehlen die Abstände zwischen den Wörtern, und die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung ist auch nicht ganz ohne. Tipp der Gedächtnistrainerin Marita Wielage-Bücker: Einfach laut lesen und während des Lesens verstehen.

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Alltagstipps

Zwischen rückwärts buchstabieren, Fragen beantworten und zwar so, dass nicht die gerade gestellte, sondern die zuvor gehörte beantwortet wird, und Buchstaben in Socken ertasten und zu einem Wort zu formen – zwischen all diesen Aufgaben versorgt die 54-Jährige ihre Brainwalker mit Alltagstipps: „Putzen Sie die Zähne einfach mal mit der falschen Hand, oder nehmen sie das Telefon nicht wie immer in die eine, sondern in die andere Hand.“ All das inspiriert das Gehirn. Die besten Chancen, geistig fit alt zu werden, haben ohnehin Menschen, die ihrem Gehirn lebenslang Gutes tun, die häufig Neues sehen und soziale Kontakte pflegen.

Ach, ehe es in Vergessenheit gerät: Das eingangs erwähnte Märchen, in dem eine Volksbefragung ein Baby vor der Beschlagnahme rettet, heißt Rumpelstilzchen.

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