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Breiter Widerstand gegen mögliche Westfleischerweiterung

Das Jahr des Showdowns

Coesfeld

Immer wieder Demonstrationen, Mahnwachen, eine Unterschriftensammlung, zig Leserbriefe und ein Unternehmen, das mit einer Anzeigenkampagne in die Offensive geht: Es gibt derzeit kaum ein Thema in Coesfeld, das so stark polarisiert wie die mögliche Westfleisch-Erweiterung.

Von Detlef Scherle

Bürger aus Coesfeld haben vor einer Ratssitzung gegen die geplante Westfleisch-Erweiterung protestiert.  Foto: Florian Schütte

Die Genossenschaft, die Bauern aus der Region gehört, will sich offen halten, statt bisher 55.000 bis zu 80.000 Schweine wöchentlich am Standort Coesfeld zu schlachten. Anlieger befürchten trotz gegenteiliger Beteuerungen, dass enormer (Verkehrs-)Lärm und üble Gerüche, die sie schon jetzt arg belasten, dann zunehmen werden.

Es geht aber auch um die Perspektive der Stadt, der großen Nachfrage nach Grund und Boden für private Bauherren künftig noch gerecht werden zu können, denn unweit von Westfleisch soll am „Bernings Esch“ ein Baugebiet – möglicherweise das vorerst letzte größere in Coesfeld – erschlossen werden.

Befürchtungen durch Baumaßnahmen bestätigt

2022 könnte das Jahr des Showdowns zwischen der Genossenschaft und ihren Gegnern werden. Coesfelds neue parteilose Bürgermeisterin Eliza Diekmann, die aus der Bewegung „Fridays for Future“ kommt, hat sich da schon klar positioniert: „Für mich haben die Anwohner und Anwohnerinnen vor Ort absolute Priorität und dürfen nicht vergessen werden. Mit Hunderten Bauwilligen vor Ort und einem hohen Druck auf den Wohnungsmarkt werde ich zudem alles tun, damit wir den Bernings Esch als nachhaltiges Wohngebiet auf den Weg bringen können.“

Das neue Kühlhaus, vor dem die Westfleisch-Mitarbeiter Jörg Lausemann (v.l.), Standortleiter Johannes Bayer und Christian Vollmer stehen, hat laut Westfleisch nichts mit der Erweiterung zu tun. Foto: Detlef Scherle

Das Bebauungsplanverfahren zur Westfleisch-Erweiterung ist bereits Ende 2019 – gegen die Stimmen der Grünen – vom Stadtrat eingeleitet worden. Aber es stockt. Jüngst teilte die Verwaltung mit, dass die eigentlich für Ende 2021 vorgesehene Bürgerbeteiligung erst Mitte 2022 stattfinden kann, weil noch weitere Gutachten dazu eingeholt werden sollen, so Maarit Terhechte, Projektkoordinatorin bei der Stadt. Die reagiert damit vor allem auf den Anlieger-Protest.

Bestätigt sehen sich die Anwohner in ihren Befürchtungen durch Baumaßnahmen, die Westfleisch im vergangenen Jahr schon im Bestand durchgeführt hat: „Da hat man Tatsachen geschaffen“, so Hessel.

Zwei Fronten in der Coesfelder Politik

Westfleisch kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Die Erweiterung sei bislang rein vorsorglich angedacht, heißt es. Konkrete Pläne gebe es noch gar nicht. „Niemand kann sagen, wie sich der Markt für Fleischerzeugnisse in drei Jahren darstellen wird“, erklärt Vorstandsmitglied Carsten Schruck. Es gehe auch nicht um 80.000 Schlachtungen in der Woche, stellte Standortleiter Johannes Bayer klar. „Im normalen Betrieb werden 70.000 die Obergrenze sein.“ Den Anliegern versprechen er und Schruck: Nichts werde schlechter, vieles besser. Sie räumen allerdings ein, dass das Verkehrsaufkommen zunehmen würde. Die Lkw sollen aber durch veränderte Zu- und Abfahrtswege „geschickt gelenkt“ werden. Und heimlich begonnen habe man mit der Erweiterung auch nicht. „Mit dem neuen, energieeffizienten Kühlhaus können wir künftig die gestiegenen Sortier-Anforderungen besser erfüllen“, erläuterte Bayer.

Zu den eifrigsten „Rebellen“ gegen die Westfleischerweiterung zählt das Architekten-Ehepaar Mechtild und Peter Deitermann aus Stuttgart, das 2018 einen benachbarten Hof geerbt hat. Sie sehen ein soziales Projekt, das sie dort verwirklichen wollen, gefährdet. Eine Ausweitung der Schlachtkapazitäten und eine Konzentration der Schweineschlachtung in Coesfeld bedeute auch „mehr Tierleid“ durch längere Transportwege. Sie appellieren an die Ratspolitiker, die über den Bebauungsplan entscheiden: „Gehen Sie mit uns gegen diesen Irrsinn an.“ Klar ist für sie, dass sie im gegenteiligen Fall keinen Quadratmeter für das neue Wohngebiet „Bernings Esch“ zur Verfügung stellen wollen: „Das hat nichts mit Erpressung zu tun, sondern mit Anstand“, so Peter Deitermann. Wohnen und eine derartige Konzentration globaler Fleischwirtschaft im Vorgarten Coesfelds: das vertrage sich nicht.

In der Coesfelder Politik haben sich zwei klare Fronten herausgebildet: Die CDU hat sich schon mehrfach öffentlich auf die Seite von Westfleisch geschlagen, wenngleich eines ihrer Fraktionsmitglieder als Anlieger die Gegenposition vertritt. Neben den Grünen ist auch die Wählergemeinschaft „Pro Coesfeld“ gegen die Erweiterung. Doch zwischen diesen Lagern sitzen sehr viele Unentschlossene. Die Entscheidung bleibt offen.

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