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Bundestagung in der Halle Münsterland

Bundeskanzlerin erteilt gesetzlichem Mindestlohn vor CDU-Sozialflügel elegant eine Absage

Münster

Ein dickes Herz aus Schokolade für die Kanzlerin und deren Bekenntnis für Mindestlöhne und eine starken Arbeitnehmerschaft: Im wahrsten Wortsinn herzig hat sich der Chef des CDU-Sozialflügels, Karl-Josef Laumann, am Samstag in Münster bei Angela Merkel für ihren Auftritt bedankt. Fast eine Stunde lang sprach die Kanzlerin während der Bundestagung der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA); die 380 Delegierten lagen ihr förmlich zu Füßen.

Elmar Ries

Angela Merkel nimmt das Geschenk von Karl-Josef Laumann entgegen. Foto: Jürgen Peperhowe

Standing Ovations zum Einzug, stehender Applaus beim Abgang. Dazwischen: eine knapp einstündige Wohlfühl-Rede. Angela Merkel war am Samstag Gast bei der 35. BundestagungderChristlich-Demokratischen Ar­beitnehmerschaft(CDA) in Münster. Am Ende bekam sie vom alten-neuen CDA-Bundeschef Karl-Josef Laumann ein dickes Herz aus Schokolade. „Liebe Angela, das Geschenk habe ich mir selber überlegt“, betonte er. Merkel strahlte, sagte artig Danke, winkte kurz und war auch schon wieder verschwunden.

Punkt zwölf trifft die Kanzlerin in der Halle Münsterland ein. Die 380 Dele­gierten stehen auf, die Mehrzahl hält Plakate in CDU-Orange hoch. „Mindestlohn jetzt“, steht in großen Lettern darauf. „Ja, ja, alles klar“, reagiert sie und lächelt. „Ihr müsst nur noch ein paar Monate warten, dann kriegen wir das hin“.

Die CDA-ler treffen auf eine gut aufgelegte Kanzlerin, die in Münster zwei Dinge deutlich macht: Zwar sind ihr flächendeckende Lohnuntergrenzen durchaus sympathisch, nach der Bundestagswahl im September wird sie sich in möglichen Koaliti­onsverhand­lun­gen aber für tarifliche Mindestlöhne starkmachen.„Wir haben ja auch bei der FDP gesehen, dass dort ein verändertes Denken um sich greift.“

Dass der CDU-Sozialflügel anders als die Parteivorsitzende ei­nengesetzlichen Mindestlohnfordert, wird in diesem Moment von allen großzügig übersehen.

Angela Merkel zur Forderung "Mindestlohn jetzt"

Was folgt, ist ein Galopp durch die große und kleine Politik, bei dem die Kanzlerin klug genug ist, den politischen Gegner zu ignorieren und sich stattdessen in die Herzen der 380 Delegiertenzu reden. Merkel geißelt Banken,die sich ungezügelt gebärden. „Ohne Leitplanken gerät die Finanzwirtschaft immer aus den Fugen.“ Sie lobt die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft und erteilt der Einführung einer Vermögenssteuer eine Absage. „Weil so etwas immer auch den Mittelstand trifft.“ Stattdessen wirbt die Kanzlerin für eine solide Haushaltspolitik. „Wir wollenein Modell von Maß und Mitte.“ Mit der Digitalisierung, der demografischen Entwicklung und der Globalisierung diagnostiziert sie drei künftig zentrale Herausforderungen.„Wir werden hier völliges Neuland betreten.“

Das ist das Standard-Repertoire, so etwas wird erwartet. Die wichtigsten po­litischen Themen, mit grobem Strich gezeichnet. In die Herzen der CDU-Arbeitnehmer-Vertreter redet sie sich aber mit anderen Sätzen, die sie immer wieder geschickt fallen lässt. Mal lobt sie die Arbeitnehmer als „Schatz“, dann wieder gibt sie den Laumann, indem sie wie er fordert: „Wer 40 Jahre lang gearbeitet hat, der muss eine Rente bekommen, die über der Grundsicherung liegt.“ Der Satz wird im Laufe des Tages mehrfach fallen.

Die CDA-Politiker sind zufrieden. Es folgen: Standing Ovations, lang anhaltender Applaus und eine Unterstützungszusage Laumanns. „FürDeutschlands Zukunft ist es wichtig, dass Angela Merkel auch nach der Bundestagswahl am 22. September Bundeskanzlerin ist.“ Die CDA je­denfalls werde alles dafür tun, „dass in der neuen Bundesregierung möglichst viel CDU drin ist“.

Am Abend im Londoner Wembley-Stadion hatte Merkel ihr Geschenk nicht dabei. „Wenn das Champions-League-Finale zwischen dem BVB und FC Bayern für dich zu spannend wird, kannst du ja an dem Schoko-Herzen knabbern“, hatte Laumann ihr mit auf den Weg gegeben. Und dabei zufrieden gegrinst.

Proteste am Prinzipalmarkt - Abflug zum Finale

Vor der CDA-Tagung hatte die Kanzlerin noch einen Termin in der Innenstadt. Im Rathaus trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt Münster ein. Auf dem Prinzipalmarkt begleiteten einige Kritiker den Merkel-Besuch mit lautstarkem Protest. Aber auch viele der Kanzlerin positiver gewogene Menschen waren da, um einen Blick auf die prominente Politikerin zu erhaschen.

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